Unsere Schriftgrundlage ist wiederum, wie in der vergangenen Woche, 1. Mose 1,27–31. Das Wesen des Menschen – wir begannen vergangene Woche unsere Studien zu „Was ist der Mensch?“, einer biblischen Psychologie des Menschen, um zu verstehen, was der Mensch ist und welche Implikationen seine Natur für die Heilslehre hat.
1. Mose 1,27–31
27 Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.
28 Und Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan; und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alle Tiere, die auf Erden kriechen.
29 Und Gott sprach: Siehe, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen tragen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume, an denen Früchte mit Samen sind; sie sollen eure Speise sein.
30 Und allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem, was auf Erden kriecht, darin ein lebendiger Odem ist, habe ich alles grüne Kraut zur Speise gegeben. Und es geschah so.
31 Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.
Die Lehre von der Natur des Menschen ist von besonderer Wichtigkeit für unser Verständnis. Irrtümer über die Natur des Menschen bilden das Fundament unserer modernen Politik, des Modernismus in den Kirchen sowie des Eskapismus in den Kirchen. Es ist daher von größter Bedeutung, daß wir ein klares Verständnis von der Natur des Menschen gewinnen. Der zentrale Irrtum des Humanismus und des Modernismus ist natürlich der Glaube an die natürliche Güte des Menschen, so wie er heute ist. Diese Philosophien und Religionen rechnen nicht mit dem Sündenfall; weil sie den Menschen, wie er ist, für natürlich gut halten, sind sie unfähig, das Problem der Sünde zu bewältigen. Ihr Versagen, dieses Problem als die Notlage des Menschen zu erfassen, führt dazu, daß das Böse der Umwelt zugeschrieben wird, nicht dem Herzen des Menschen.
Mit diesem Glauben kann es keine Erkenntnis der Psychologie des Menschen geben. Er führt zu Irrtümern jeder Art. Heute morgen las ich die Aussage eines Psychologen, der es für das höchste Übel hielt, daß Lehrer ihre Kinder tatsächlich korrigierten und ihnen sagten: „Nein, du irrst“, und sie anwiesen, einem festen Muster zu folgen; denn dieser Psychologe glaubte an die natürliche Güte des Menschen, und das Wesen von Erziehung und Kreativität bestehe darin, nichts zu tun, was das Kind frustriere oder ihm das Gefühl gebe, es gebe einen äußeren Standard, dem es sich fügen müsse! Der Standard liege ganz im Inneren, und daher solle das Kind zum Selbstausdruck ermutigt werden, so daß selbst bei einer Rechenaufgabe die Korrektur des Kindes als ein Übel empfunden werde. Und er schloß mit den Worten: „Niemand kann sich vorstellen, wie wunderbar die Welt wäre, wenn wir den Kindern einmal erlaubten, sie selbst zu sein.“
Natürlich führt dieser Begriff nur in die Anarchie, und doch ist er grundlegend für vieles in der modernen Erziehung, im modernen Recht, in der modernen Politik und für das Denken mancher zeitgenössischer Staatsmänner. Ein Kommentar zu den Implikationen eines solchen Denkens, falls es uneingeschränkte Macht erhielte, erschien kürzlich in einer Kolumne: die Folge wäre wiederum Anarchie.
Wir können daher dem humanistischen Glauben an die natürliche Güte des Menschen nicht zustimmen, ohne Katastrophe heraufzubeschwören. Andererseits müssen wir das andere Extrem vermeiden: Einige, die sich Christen und Evangelikale nennen, haben die natürliche Verderbtheit des Menschen vorausgesetzt.
Nun ist Verderbtheit, ja totale Verderbtheit, eine reale und häßliche Tatsache. Das Böse im Herzen des Menschen kann nicht unterschätzt werden.
1. Mose 6,5
Als aber der Herr sah, daß die Bosheit des Menschen sehr groß war auf der Erde
und alles Trachten der Gedanken seines Herzens allezeit nur böse,
Zudem ist die Strafe für die Sünde des Menschen, seine Verderbtheit, der Tod.
1. Mose 3,3
aber von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Gartens ist, hat Gott
gesagt: Eßt nicht davon und rührt sie auch nicht an, damit ihr nicht sterbt!
Der Mensch ist vor Gott gerichtlich tot, er ist auch psychologisch vor Gott tot. Der Mensch kann aus sich heraus Gottes lebendiges Heil nicht empfangen. Mit anderen Worten: Er ist unfähig zur Selbsterrettung.
Epheser 2,1
– auch euch, die ihr tot wart durch Übertretungen und Sünden,
In Kolosser 2,13 heißt es:
Kolosser 2,13
Er hat auch euch, die ihr tot wart in den Übertretungen und dem
unbeschnittenen Zustand eures Fleisches, mit ihm lebendig gemacht, indem er
euch alle Übertretungen vergab;
Mit anderen Worten, sagt der heilige Paulus: Wir sind gerichtlich tot und psychologisch tot, so daß wir auf den Sohn nicht mehr reagieren können als ein toter Rosenstrauch auf Sonne und Regen reagieren und Knospen und Blüten treiben kann. Wenn Gott uns nicht selbst lebendig macht, das heißt durch seine Gnade lebendig macht, sind wir tot für das Angesicht seines Sohnes, für seine Gnade.
Calvin sagt zu Kolosser 2,13, und ich zitiere: „Wie sehr sie sich auch in hohem Grade lebendig und blühend dünken mögen, sie sind dennoch geistlich tot.“ Zitatende. Nur Gottes wiedergeborende Gnade kann den gefallenen Menschen retten, nur Gott kann ihn in jenes Verhältnis zu sich selbst zurückführen, das Leben ist. Doch nachdem dies gesagt ist — was in diesem Zeitalter nachdrücklich verstanden werden muß —, können wir dennoch nicht sagen, daß die Sünde der natürliche Zustand des Menschen ist. Unser Text sagt:
1. Mose 1,31
Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.
Der natürliche Zustand des Menschen, wie Gott ihn schuf, ist ganz und vollständig gut. Die Sünde ist nicht des Menschen natürlicher Zustand. Sie ist, wie wir andeuteten, eine Entartung, ein Krebs, eine Krankheit zum Tode. Die grundlegende Natur des Menschen ist gut, weil Gott sie gemacht hat. Wir sind nach dem Bilde Gottes geschaffen. Der Mensch ist daher von Natur aus gut in seinem Ursprung und gegenwärtig gefallen, sündig und völlig verderbt. Aber diese Sünde, diese totale Verderbtheit ist ein Krebs, eine Krankheit zum Tode.
Wenn wir einen Menschen im Krankenhaus betrachten, können wir nicht sagen, daß sein Krebs oder sein Herzleiden seinen natürlichen, normalen Zustand darstelle! Ebensowenig können wir behaupten, die Sünde, auch wenn sie der gegenwärtige Zustand des Menschen sei, sei sein normaler, natürlicher Zustand. Der Mensch wurde von Gott vollkommen gut geschaffen. Deshalb befindet sich die Geschichte in einer beständigen Krise, weil der Mensch als Sünder eine Krankheit zum Tode hat.
Daher ist jede Ordnung, die er schafft — soziale Ordnung, institutionelle, persönliche — zum Scheitern verurteilt! Sie kann nicht bestehen, weil er diese Todesschuld trägt. Gerade weil die Sünde unnatürlich und fremd ist, weil sie Verderben für den Menschen bedeutet, stellt sie eine entstellende Beschwer für ihn dar. Gesundheit ist leichter zu ertragen als eine tödliche Krankheit. Niemand in seinem rechten Verstand würde Krankheit der Gesundheit vorziehen. Ebenso ist ein bundesmäßiger Glaube und Gehorsam ein leichterer und glücklicherer Lebensweg als die Sünde. Sünde und Leid machen keine Freude! Wer das meint, ist von Sinnen. Die Sünde ist eine bedrückende, kalte Tatsache. Es ist ein schwerer Irrtum, die Sünde als etwas Anziehendes zu betrachten. Nicht die Sünde, nicht die Einzelsünden sind verlockend, sondern das Prinzip der Sünde: wie Gott zu sein.
Dies ist es, was den Menschen lockt: WIE GOTT ZU SEIN, Gut und Böse zu erkennen. Gut und Böse selbst zu bestimmen. Sünden, besondere Sünden, sind äußere Ausdrücke eines inneren Zustands. Sie sind Weisen, in denen der Mensch versucht, dieses Prinzip geltend zu machen. Durch dieses Prinzip hofft er, das Leben zu finden, obgleich es ihn tötet. Denn er will Leben ohne Gott. Der Mensch wird eher besondere Sünden aufgeben als das Prinzip der Sünde. Er wird einsehen, daß besondere Sünden — Spielen, Trunksucht, Ehebruch — und andere zu Problemen führen. Er wird eher besondere Sünden aufgeben als das Prinzip der Sünde: wie Gott zu sein.
Was Adam und Eva im Wesentlichen begehrten, als sie von dem Baum aßen, war nicht die Frucht des Baumes, sondern Autonomie von Gott. „Hat Gott wirklich gesagt?“ — ist es notwendig, Gott zu gehorchen? Ist Gott das Prinzip des Lebens, oder ist es nicht wahr, daß Gott euch durch das Verbot jenes Baumes sagt, ihr müßtet untertan sein, wo ihr doch das Recht habt, eure eigenen Götter zu sein? Ich glaube nicht, daß Eva so hungrig war, daß sie jene Frucht essen mußte oder sterben würde. Als sie der Versuchung nachgaben, taten sie dies, weil sie in ihrem Geist bereits das Prinzip der Unabhängigkeit von Gott erfaßt hatten. Das Gefühl, sie hätten das Recht, ihre eigenen Götter zu sein. Die besondere Sünde war daher ein Ausdruck der inneren Sünde: das Verlangen nach Unabhängigkeit von Gott. Vor kurzem wurde ein Buch über den Ehebruch geschrieben. Der Autor befürwortete ihn, er war ein Verfechter der neuen Moral. Und doch gab es eine Seite am Ehebruch, die er mehrmals beiläufig erwähnte und dann sofort fallen ließ.
Es ist ein merkwürdiges Phänomen, daß beim Ehebruch der Mann oder die Frau häufig einen Partner sucht, der in jeder Hinsicht dem eigenen Ehegatten unterlegen ist — weder so attraktiv, noch sexuell so befriedigend, noch von so angenehmem Wesen, daß die Unterlegenheit offenkundig ist. Was sie wählen, ist also nicht ein besserer Partner, sondern die Sünde. Die Vorstellung, tun zu können, was ihnen beliebt. Gott zu trotzen und dem Partner zu trotzen. Und sich dabei eine Menge Unheil zuzuziehen. Auch dies wird in jenem Buch deutlich: die Tatsache, daß Ehebruch weit schwieriger ist als Keuschheit. Der Autor zeugte gegen sich selbst und seine eigenen Überzeugungen, indem er im Prozeß der Freiheitsforderung erklärte, daß Freiheit — das, was er Freiheit nannte, den Ehebruch — ein sehr schwieriges, sehr schmerzliches, sehr häufiges Hinabsteigen sei. So lief der Schluß des Buches seinen eigenen Tatsachen zuwider. Denn was der Autor nicht eingestehen wollte, war, daß er in seiner neuen Moral ein Prinzip der Autonomie von Gott behauptete. Und er war bereit, einen Preis erheblichen Unglücks und Kummers, erheblicher Kosten und Unannehmlichkeiten für diesen Gewinn zu zahlen. Für diesen Gewinn. Um sagen zu können: Ich bin mein eigener Gott. So ist es, was die Schrift in Psalm 104,16 und an vielen anderen Stellen aussagt: „Die Bäume des Herrn sind voll Saft.“
Psalm 104,16
Die Bäume des Herrn trinken sich satt, die Zedern des Libanon, die er
gepflanzt hat,
Was bedeutet das? Die Bäume des Herrn — Gottes Volk, das ihm gehorsam ist und an den Wasserbächen in Gottes lebenspendendem Strom wurzelt —, sie sind es, die voll Saft sind, die leben und vital sind, die gedeihen.
Der als gut geschaffene Mensch kann nie von jener Güte, von jener Gerechtigkeit, die Gott von ihm fordert, abweichen, ohne die Strafe des Todes, ohne die Strafe des Leidens auf sich zu ziehen. Ferner müssen wir im Licht von Gottes Wort festhalten: Der Mensch wurde „sehr gut“ geschaffen. Diejenigen, die die Sünde als einen dauerhaft mächtigen und unausweichlichen Faktor im erlösten Menschen sehen, sind des Mißverständnisses der Schrift schuldig. Immer wieder hört man einen Radio-Prediger, der bei der Auslegung von Römer 7 erklärt, dieser Zustand der Spannung zwischen dem natürlichen und dem erlösten Menschen sei ein beständiger Konflikt; einer ging so weit zu sagen, an eurem Sterbetag werde diese gewaltige Kraft des gefallenen Menschen in euch gegen euch kämpfen, so daß es ein gewaltiger Kampf mit einem gewaltigen und mächtigen Feind sei. Das ist Unsinn. Und es tut der Schrift schweres Unrecht. Warum?
Zunächst einmal ist der gefallene Mensch in mir dem neuen Menschen, der Jesus Christus ist, nicht gewachsen. Jesus Christus ist der starke Mensch in uns. Und zweitens, ganz deutlich: je mehr wir in der Gnade wachsen, je mehr wir in unserer Heiligung und unserem Gehorsam gegen das Gesetz Gottes zunehmen, desto mehr töten wir den alten Menschen in uns ab! Den gefallenen Menschen. So daß er zunehmend schwächer wird. Es ist radikal verfehlt, den erlösten Menschen, der in der Gnade wächst und im Gehorsam gegen den Herrn zunimmt, als jemanden darzustellen, der beständig mit sich selbst ringt, um nicht zu morden, die Ehe zu brechen, zu stehlen, falsch zu zeugen und zu begehren. Im Gegenteil: er wächst beständig in seinem Verlangen, Gott zu gehorchen, das Leben zu fördern und das Recht seines Nächsten auf Leben, Heim, Eigentum und Wiederherstellung in Wort, Gedanke und Tat zu achten.
Und er wird zunehmend durch Versagen beunruhigt statt durch seinen Verlust. Das alles ist es, was es heißt, Christ zu sein: man wächst beständig im Gehorsam. Gerade wie die Wiederherstellung der Gesundheit einen Rückgang von Krankheit oder Infektion in uns bedeutet, so bedeutet die Wiedergeburt und Heiligung des Menschen in Jesus Christus den fortschreitenden Rückgang der Sünde in seinem Herzen. Unsere Heiligung ist in diesem Leben nicht vollendet, aber sie ist fortschreitend. Der Zustand des Menschen, wie wir gesehen haben, war ursprüngliche Gerechtigkeit.
Sünde ist eine Entstellung und eine Zerstörung, ein Tod. Der Mensch ist von Gott zu seinem souveränen Zweck geschaffen und nur dann wahrhaft lebendig und frei, wenn er Gott gehorsam ist. Wenn er von Gott getrennt ist, ist er tot in seinen Übertretungen und Sünden. Kurz gesagt: Leben ist Gerechtigkeit und Sünde ist Tod. Denn die Gerechtigkeit ist dem Wesen des Menschen grundlegend. Und wenn der Mensch von der Gerechtigkeit abweicht, befindet er sich in einem widernatürlichen Zustand, in einem sterbenden Zustand.
Daher gibt es keine Erkenntnis der Psychologie des Menschen ohne die Tatsache, daß der Mensch geschaffen wurde, um Gott durch Erkenntnis, Gerechtigkeit, Heiligkeit und Herrschaft zu dienen und zu verherrlichen. Es ist dem Menschen grundlegend, Erkenntnis, Gerechtigkeit, Herrschaft auszuüben. Deshalb gibt es in einer christlichen Schule besseres Lernen als in einer nichtchristlichen, weil in der christlichen Schule der Natur des Kindes eine gewisse Achtung entgegengebracht wird. Es wurde im Bilde Gottes geschaffen, um zu erkennen, und daher wird die Lernbegierde fortschreitend wiederhergestellt, wenn das Kind in Haus, Kirche und Schule einer christlichen Ordnung unterstellt wird! Die Lernbegierde wird gefördert.
Wir alle kennen die Begierde, mit der ein Kind in den Kindergarten geht: erwartungsvoll und lernbegierig. Wir kennen die Freude eines Kindes, wenn es für Hilfsbereitschaft und Gottseligkeit gelobt wird. Wir kennen die Freude eines Kindes, wenn es etwas meistert, in einem bestimmten Bereich Herrschaft ausübt. Das Kind — um diesen Ausdruck zu gebrauchen — blüht unter diesen Dingen auf. Es wächst! Denn obwohl der Mensch gefallen und völlig verdorben ist, war die Natur des Menschen, wie Gott sie schuf, gänzlich gut und nach dem Bilde Gottes in Erkenntnis, Gerechtigkeit, Heiligkeit und Herrschaft.
Unausweichlich welkt der Mensch daher, wenn diese Dinge in ihm geleugnet werden. Werden sie gefördert, so gedeiht er. Und nur in Christus können sie wahrhaft gefördert werden und gedeihen. Denn nur in Christus wird der Mensch in das Bild Gottes wiederhergestellt, das Erkenntnis, Gerechtigkeit, Heiligkeit und Herrschaft ist. Darum verläßt der Mensch, wann immer er Gott und seinen Beruf unter Gott verläßt, auch das Leben selbst. Er verleugnet jede Faser seines Wesens und jede Gabe seiner Natur. Denn wie unser Herr als Weisheit redend erklärte: „Wer an mir sündigt, tut seiner eigenen Seele Unrecht. Alle, die mich hassen, lieben den Tod.“ Sünde führt daher unausweichlich zum Tod, weil sie eine Verletzung der Natur des Menschen ist, die, wie sehr sie auch gefallen und wahrhaft und völlig verdorben sein mag, gänzlich gut geschaffen wurde und nicht leben kann, wenn der Krebs der Sünde an ihr nagt.
Gott sprach: „An dem Tage, da du davon ißt, mußt du des Todes sterben.“ Der hebräische Ausdruck dort bedeutet, daß das Prinzip des Todes zu wirken beginnt. Du hast eine Krankheit zum Tode auf dich gezogen, der keine Entrinnung ist außer durch Christus. Und so sind alle Menschen um uns herum, die eine Krankheit zum Tode tragen, ohne Hoffnung. Und kein Glaube an ihre natürliche Güte im Sinne des Humanismus kann ihre Lage bessern. Aber auch für uns kann es keine wirkliche Hoffnung geben, wenn wir annehmen, die Verdorbenheit, die völlige Verdorbenheit, sei mehr als eine historische Tatsache. Die Realität des Menschen als Gottes Schöpfung in seinem Bilde, gänzlich gut, ist jene Realität, die in Christus wiederhergestellt werden soll.
1. Mose 2,17 „Denn an dem Tage, da du davon ißt, wirst du gewißlich sterben.“
Sprüche 8,36 „Wer an mir sündigt, tut seiner eigenen Seele Unrecht; alle, die mich hassen, lieben den Tod.“
Der wiedergeborene Mensch hat die Anomie nicht mehr in sich; er kann nicht sündigen, und doch kann er sündigen. Diese Unterscheidung ist von entscheidender Bedeutung. Wir können besondere Sünden begehen, aber das Prinzip der Gesetzlosigkeit, das Wesen des Gottwiderstands, ist in Christus gekreuzigt.
Die Wiedergeburt ist ein schöpferischer Akt. Wie Gottes Schöpfung am Anfang ein Akt war — „Gott sprach, und es geschah“ —, so ist die Wiedergeburt ein Akt. Die Heiligung hingegen ist ein Prozeß. In der Heiligung haben wir es mit der Sünde zu tun. In der Wiedergeburt, in unserer Bekehrung, handelt Gott mit der Sünde, die gekreuzigt ist.
Menschist zu sein bedeutet, das Prinzip der Sünde zu behaupten: der Mensch sei sein eigener Gott. Das ist weit schlimmer als jede besondere Sünde. Es gibt viele Humanisten, die sagen können: „Ich habe nie gemordet, gestohlen, Ehebruch begangen oder geraubt.“ Doch sie haben die Grundsünde, das Prinzip der Sünde begangen. Sie haben erklärt: „Ich bin mein eigener Gott.“
Der Humanismus führt zum totalen Relativismus und damit zu einem Problem jeder Art von Beziehung zwischen Menschen. „Wenn jeder Mensch sein eigener Gott ist“, so hieß es, „dann ist mein Nächste für mich nichts als ein Teufel, denn es können nicht zwei Götter nebeneinander bestehen.“
Daher klagt derselbe Psychologe, der bereits im Zusammenhang mit der Sünde der Kindeszurechtweisung zitiert wurde, darüber, daß es in unserer Welt keine authentische Erfahrung eines anderen Menschen mehr gebe. Natürlich nicht! Wie kann es eine authentische Erfahrung eines anderen Menschen geben, wenn du selbst Gott bist und nicht anerkennen kannst, daß er einer ist, weil das eine Bedrohung für dich wäre? So bricht die Kommunikation ab; sein ganzer Punkt ist, daß wir nicht mehr miteinander reden können. Wir sind alle Fremde, die in der Nacht aneinander vorbeigehen. Darüber wird er recht erregt.
Die Vorherbestimmung geht von Gott aus und wird in der Schrift nachdrücklich gelehrt. Betrachtet man sie als etwas, das dem Menschen entgegensteht oder als einen auf ihn ausgeübten Zwang, so setzt man sich selbst als erste Ursache ein — gleichsam neben Gott. Der Mensch ist jedoch nicht die erste, sondern die zweite Ursache. Eine erste und eine zweite Ursache schließen einander nicht aus; im Gegenteil, sie sind miteinander vereinbar. Unvereinbarkeit entsteht erst, wenn beide beanspruchen, die erste Ursache zu sein. Im Humanismus gibt es daher keine Versöhnung der menschlichen Freiheit mit Gottes Vorherbestimmung, weil beide als erste Ursachen auftreten. In der Schrift hingegen ist der Mensch zweite Ursache. Er ist, was Gott aus ihm gemacht hat. Er ist frei, er selbst zu sein, er ist verantwortlich — aber er bleibt ein Geschöpf, das Gott gegenüber voll verantwortlich ist. Seine Freiheit, unter Gott zu sein, was er ist, ist eine sekundäre Freiheit, ebenso wie seine Kausalität eine sekundäre Kausalität ist.
Adams Fall war vorherbestimmt, alle Dinge sind vorherbestimmt. Dies ist das Primäre. Die menschliche Freiheit ist sekundär; der Mensch ist frei, er selbst zu sein, aber er wird nicht gezwungen, wenn er gerettet wird. Er wird nicht gezwungen, zum Glauben zu kommen; er tut dies aus freiem Willen. Doch dieser freie Wille ist Teil von Gottes souveräner Vorherbestimmung; es ist Gott, der ihn zum Glauben führt, der ihm den Wunsch gibt, sein Wort zu hören. So wird kein Zwang auf den Menschen ausgeübt, und doch ist er genau das, was er ist, weil Gott es so beschlossen hat.
Es ist ein schwieriger Begriff, weil der moderne Mensch so daran gewöhnt ist, sich in Kategorien absoluter Freiheit und absoluter Selbstbestimmung zu denken, daß er sich nicht mehr als zweite Ursache vorstellen kann.
Epistemologisches Selbstbewußtsein bedeutet, immer klarer zu erkennen, was man glaubt und auf welchem Grund man steht. Für den Christen heißt es, zu erkennen, daß er völlig Gottes Geschöpf ist, daß Gott ihn völlig regiert und behütet, und daß er seine Wege dem Herrn anvertrauen und im Vertrauen auf Gottes Wort und die Gewißheit seiner Regierung handeln kann. Es heißt, sich völlig und ganz als Gottes Geschöpf zu erkennen. Ebenso wie epistemologisches Selbstbewußtsein beim Ungläubigen bedeutet, gänzlich zu beanspruchen: „Ich bin mein eigener Gott“, und nicht nur Gott, sondern auch den anderen Menschen nicht anzuerkennen. Letztlich ist dies Wahnsinn — die Fülle des Wahnsinns.
In der Geschichte zeigt sich die fortschreitende Entfaltung des Gewollten und des Schwachen, des Selbstbewußtseins auf beiden Seiten. Doch weil wir Sünder sind, besteht Hoffnung: der Gläubige ist der errettete Sünder, der Unwiedergeborene der verlorene Sünder; wir kämpfen gegen jenes Selbstbewußtsein an. Würden wir als Christen die Konsequenzen voll annehmen, müßten wir sagen: „Ich bin so sündig, daß ich mich weigere, ganz auf Gott zu vertrauen, ganz in seiner Herrschaft zu wandeln.“ Und der Sünder müßte sagen: „Seht, ich kann nichts bejahen. Meine Position läuft letztlich auf Selbstmord hinaus; der Tod ist der einzige Ausweg, denn schon durch das Leben bejahe ich Gott.“ Mit anderen Worten: Selbstbewußtsein ist das Schicksal aller Menschen, im Himmel wie in der Hölle.
Man scheut sich, die radikalen Implikationen des epistemologischen Selbstbewußtseins ins Auge zu fassen; daher tobt der Kampf auf beiden Seiten, doch unsere unvollkommene Heiligung führt uns allmählich dorthin. Wir kämpfen weniger als der Ungläubige.
Die doppelte Vorherbestimmung bedeutet, daß Gott sowohl zum Heil als auch zur Verwerfung vorherbestimmt hat.
Der Humanist wird nicht bereitwillig sagen: „Ich bin ein Sünder“, denn in seinen eigenen Augen ist er Gott; daher ist die Umwelt das Problem.
In diesem Zusammenhang ist es nicht verwunderlich, daß bei der Behandlung von Eheproblemen und Scheidung der Gedanke aufkommt, das Problem liege nicht in der Sündhaftigkeit der Menschen, sondern in den Ehebedingungen. So wurde in einem Bundesstaat der Vorschlag eingebracht, die Ehe auf einen dreijährigen Vertrag zu beschränken, dessen Verlängerung vom Einverständnis beider Parteien abhinge. Alle drei Jahre würde der Ehevertrag erlöschen; man könnte dann entweder jemand anderen heiraten oder gegen eine geringe Gebühr den Vertrag erneuern.
Man meinte, dies löse alle Probleme. Nicht die Sündhaftigkeit der Menschen (oder der Frauen) sei die Ursache, sondern lediglich eine ungünstige vertragliche Regelung. Derartige Gesetzesvorlagen mehren sich; sie werden in dem einen oder anderen Bereich in fast allen Landesparlamenten eingebracht. Man manipuliert die Umwelt, damit der Mensch glücklich werde — nicht den Menschen zu verändern.
An diesem Punkt muß eingeräumt werden, daß die studentischen Revolutionäre in einem Punkt recht haben. In vielem sind sie zutiefst verkehrt, doch richtet sich ihr Protest gegen die technologische Antwort. 1962 hielt der Präsident John F. Kennedy die Ansprache zur Yale-Abschlussfeier, die von allen Liberalen gefeiert wurde. Daniel Bell hatte in seinem Buch „The End of Ideology“ dargelegt, das Problem sei nicht mehr der Konflikt von Glaubensvorstellungen, Religionen und Prinzipien, sondern die Anwendung von Technologie. Man verfüge nun über die wissenschaftliche und politische Technologie, die, angewendet, alle Probleme der Welt löse; es sei lediglich ein Anwendungsproblem. Robert McNamara entwickelte diese Idee wenige Jahre später in einem Buch weiter.
Bezeichnenderweise machten die studentischen Revolutionäre Kennedys Rede und McNamaras Buch zu ihren Hauptfeinden. Ihr Spruch „Do not fold, spindle, or mutilate“ – der Hinweis auf Lochkarten – zielte auf die Vorstellung, Technologie sei die Antwort. Daher die Bärte und die seltsamen Gewänder: sie spielen Propheten. Kindisch, lächerlich, verkehrt – aber sie spielen Propheten der Moderne. Sie wollen eine neue Religion. Bei den Unruhen in Frankreich gaben zwei Anführer eine später in Buchform veröffentlichte Proklamation heraus: eine politische Revolution genüge nicht; nötig sei eine Veränderung des Menschen. Sie suchen diese Veränderung im Zen-Buddhismus, im Hinduismus, in Rauschmitteln, in allem – nur nicht in Christus. Doch immerhin erkennen sie an, daß es nicht um Technologie geht, nicht um Manipulation der Umwelt.
So sehr sie im Irrtum sind, so ruhen sie doch auf einer religiösen Prämisse: nicht die technologische Umwelt ist entscheidend, sondern eine Veränderung der menschlichen Natur. Sie irren schwer in der Suche nach der falschen Antwort und in der Anmaßung, Propheten einer neuen, ihnen selbst noch unbekannten Religion zu sein. Daher das lange Haar: sie imitieren Sonntagsschulbilder, die Christus und die Propheten falsch darstellen. Sie geben sich als Propheten der neuen Ära. Sie haben recht, wenn sie sagen, die alte Antwort sei falsch – weshalb Kennedy für die Universitätsradikalen zur Schreckensfigur wurde.
[Kein Lehrbuchinhalt — der Text enthält ausschließlich Ankündigungen, Verwaltungsmitteilungen und den abschließenden Segen, die gemäß den Regeln zu tilgen sind.]