1. Johannes 1,8 – 2,5:
»Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit. Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns. Meine Kindlein, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt. Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher beim Vater, Jesus Christus, den Gerechten; und er ist die Versöhnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt. Und daran erkennen wir, daß wir ihn erkannt haben, wenn wir seine Gebote halten. Wer sagt: Ich kenne ihn, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in dem ist die Wahrheit nicht. Wer aber sein Wort hält, in dem ist wahrhaftig die Liebe Gottes vollendet; daran erkennen wir, daß wir in ihm sind.«
Ein Student, der nicht an Gott glaubte, wandte ein, daß hinter der erkennbaren Ordnung und dem Design des Universums eine letzte Perversität stehen könne; alles sei vielleicht nur Täuschung, bewußte Illusion, und das Leben ende in nichts als Spott und einem endgültigen Vernichtungswillen. Eine solche Annahme setzt eine so absolute Perversität des Seins voraus, daß der einzige logische Schluß der Selbstmord wäre. Denn wer hinter aller Ordnung einen Geist oder ein Wesen vermutet, dessen Absicht die Verhöhnung des eigenen Geschaffenen ist, verleugnet nicht nur jede Gültigkeit des Lebens, er verweigert sich auch dem Leben selbst.
An diesem Punkt hat die Hoffnung des Menschen in allen Zeitaltern immer angesetzt: nicht eine letzte Perversität, sondern eine letzte Gerechtigkeit, ein letztes Gericht, entscheidet. Der Mensch hat stets eine Instanz der Berufung. Wo immer in der Geschichte der Zivilisation der Glaube an einen absoluten Gott und seine absolute Gerechtigkeit schwand, und die Menschen keine Gerechtigkeit mehr erblickten als die der Menschen, da verloren sie den Willen zu leben.
Ein Geschichtsschreiber der zwanziger Jahre in Chicago beschreibt eine Lage planvoller Gesetzlosigkeit, Mord und Verachtung von Recht und Ordnung. Der Schlüssel zur Macht der herrschenden Banden lag in ihrer Kontrolle über das Recht: über Polizei und Gerichte. Dadurch konnten die Täter unbehindert Gerichtssäle betreten und verlassen, wissend, daß der Richter ihr Mann war und der rechtschaffene Bürger gegen sie chancenlos blieb. Die Gerichte waren zu Instrumenten der Unterdrückung geworden. Statt Schrecken der Übeltäter zu sein, wie Gott es fordert, wurden sie zum Schrecken der Frommen.
Die Schrift bezeichnet Christus als unseren Anwalt. „Anwalt“ ist das ältere Wort für Rechtsanwalt; es ist ein bemerkenswert schöner Begriff, wie sich zeigen wird. Johannes gebraucht ihn absichtlich: Christus ist unser Anwalt vor dem Gericht des allmächtigen Gottes, des höchsten Richters.
Daraus folgt die Gewißheit unserer Sache. Zunächst stellt Johannes fest: Die Behauptung der Sündelosigkeit der Gläubigen ist eine Irrlehre. Denn wenn wir sagen, wir hätten keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Vor dem Gericht des allmächtigen Gottes sind wir alle schuldig. Doch obgleich die Sünde in uns offenkundig ist, schließt sie die Gemeinschaft mit Gott nicht aus. Im Gegenteil: Wenn wir sagen, wir hätten keine Sünde, machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns; dann ist keine Gemeinschaft mit Gott möglich. Der Grund unserer Gemeinschaft mit Gott ist vielmehr gerade die Erkenntnis, Sünder zu sein – Sünder, die vor seinem Gericht im Sühnwerk Christi bestehen. Nur so bestehen wir überhaupt. Wir sollen die Sünde meiden. Wenn aber jemand sündigt, so haben wir einen Anwalt beim Vater: Jesus Christus, den Gerechten. Und er ist die Versöhnung für unsere Sünden.
Unser Anwalt führt nicht unsere Unschuld an, er bekennt unsere Schuld, sagt Johannes. Aber er setzt sein stellvertretendes Opfer als Grund für unsere Rechtfertigung ein. Daß er unser Anwalt ist, erkennen wir daran, daß wir seine Gebote halten. Seine Gebote halten heißt: wachsam sein, sie sorgfältig zu erforschen und streng zu befolgen, in ihrer Befolgung zu wachsen. So stehen wir als Sünder auf der Seite des Gesetzes.
Im dritten Kapitel, Vers vier, bestimmt Johannes präzise, was Übertretung des Gesetzes bedeutet:
1. Johannes 3,4 „Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht; und die Sünde ist das Unrecht.“
Mehr wörtlich gesagt, was er sagt: Wer beharrlich fortfährt, Sünde zu üben – denn das Verb dort hat im Griechischen eine bestimmte Zeitform, die die beharrliche, fortgesetzte, gewohnheitsmäßige Übung der Sünde bedeutet –, übertritt auch das Gesetz. Das als Übertretung wiedergegebene Wort ist anomia, was „ohne Gesetz“ bedeutet. Gesetzlos. Damit besteht ein Unterschied zwischen Sünde und Sünde. Zwischen Sünde, hamartia, was wörtlich „das Ziel verfehlen“ bedeutet, und Sünde als anomia, was Gesetzlosigkeit bedeutet.
Als Gläubige in Christus sind wir nicht der anomia schuldig. Wir sind der hamartia schuldig. Wir üben das Gesetz, aber wir haben unsere Sünden, das heißt unsere Mängel. Wir genügen nicht der vollen Forderung Gottes. Doch einmal in Christus, sind wir nicht mehr der anomia schuldig, der Gesetzlosigkeit und der antigesetzlichen Gesinnung. So sind unsere Sünden ein Verfehlen des Ziels, ein Hinterherhinken hinter der Forderung, aber es ist ein Versuch, die Forderung zu erfüllen. Und weil wir versuchen, die Forderung zu erfüllen, haben wir in unseren Sünden einen Anwalt für die Verteidigung. Jesus Christus, unser Fürsprecher.
Das als Fürsprecher wiedergegebene Wort ist parakletos. Im Englischen haben wir das Wort paraclete, das oft als ein anderer Name für den Heiligen Geist gebraucht wird. Das Wort ist ein sehr, sehr wichtiges. Und es sagt uns viel darüber aus, was ein Anwalt ist, in Bezug auf die Schrift, in Bezug auf die historische Bedeutung des Wortes. Fürsprecher, parakletos, im Griechischen bedeutet wörtlich das, was wir unter Anwalt verstehen, und zugleich Tröster.
So bedeutet es, wenn unser Herr beim Abendmahl sagt: Ich werde euch nicht allein lassen, oder tröstlos, ich werde einen Tröster senden, das Wort kann auch als Anwalt übersetzt werden. Es ist dasselbe Wort. Es hat beide Bedeutungen. Und es wird in der Schrift abwechselnd als Tröster und Fürsprecher wiedergegeben.
Das sagt uns viel sowohl über Christus als auch über die wahre Funktion, in Bezug auf die Schrift, eines Anwalts, eines Fürsprechers. Er ist der, der in Beziehung zum Gesetz und zum Gericht unser Verteidiger und unser Tröster ist, der uns in eine Lage versetzt, in der wir in Zeiten der Not Trost haben. Wir haben eine Verteidigung. Wir haben eine Gewißheit der Sicherheit. Und wenn Jesus Christus unser Fürsprecher genannt wird, ist er dann unser Verteidigungsanwalt, der vollkommen in seiner Verteidigung ist. Und unser Tröster, der vollkommen in seinem Trost ist. So daß wir, wenn wir dem obersten Gericht des allmächtigen Gottes gegenüberstehen, einen haben, der vollkommen in seinem Trost ist, vollkommen in seiner Verteidigung, und der unsere Versöhnung ist, das Mittel, wodurch unsere Sünde bedeckt, gesühnt und vergeben wird.
Im Hinblick auf die Lehre vom Menschen ist die Lehre von Christus als unserem Anwalt, unserem Verteidiger und unserem Tröster von großer Bedeutung. Das bedeutet, daß unsere günstige Stellung vor dem obersten Gericht des allmächtigen Gottes vorherbestimmt ist. Daß wir als Christen eine vollkommene, gewisse, absolut gesicherte Position haben. Die Folge ist nicht eine Freiheit zur Sünde, sondern Freiheit von der Sünde. Denn unser Anwalt ist auch die uns wiedergebende, reinigende Kraft in uns, der neue Mensch in uns.
Wir haben somit eine vorherbestimmte Freilassung, eine damit verbundene Freiheit. Und durch Gottes erneuernde Gnade eine damit verbundene Kraft. Der Mensch, der sich vor einem menschlichen Gericht schuldig bekennt, erhält ein Urteil. Aber der Mensch, der sich vor Gottes Gericht schuldig bekennt, erfährt Freilassung und die Kraft, in seinem Namen zu siegen. Denn unser Anwalt, unser Tröster, ist auch der, der uns erneuert und uns Kraft gibt, jene Sünde oder jenes Versagen in uns zu überwinden.
Der Christ ist daher der einzige freie Mensch. Allein der Christ kann die wahre Versöhnung der Gesellschaft in Angriff nehmen und aufrechterhalten. Weil er allein die Freiheit und die Kraft besitzt, diese Aufgabe zu bewältigen. Er allein kennt sich selbst, da er sich als Sünder erkennt, sich als neuen Menschen in Christus erkennt. Und da er weiß, daß die wiedergebende Kraft Gottes in ihm ist, um seine Sünden und Mängel zu überwinden. Er kann daher mit dem Verbrechen fertig werden, weil er dessen Wurzeln in sich selbst kennt und den Preis kennt.
Ein Autor hat über das Verbrechen treffend ausgeführt: „Die erste und vorrangige Ursache ist geistlicher Natur. Sie ist der Ausdruck einer verkehrten Herzenshaltung. Nach Matthäus 15,16–20 wird nichts Geringeres als ein radikaler Herzenswandel, bewirkt durch den Geist Christi Jesu in den betroffenen Personen, diesem Bedürfnis gerecht. Doch man sagt uns, es liege nicht in der Zuständigkeit des Staates, sich mit Moral zu befassen. Wir werden jedoch feststellen, bevor wir dieses Problem lösen, daß dies eine grundlegendste Frage ist. Wenn wir bereit sind, Verbrechen und Sünde als dasselbe anzusehen und uns dieser Sünde und nicht bloß einer Krankheit zuzuwenden, werden wir das Problem lösen.“
Die Predigt, die der Reverend Elias Cornelius vor der Salem Society hielt und die sich mit dem Einwanderungsproblem in ihrer Gemeinde befaßte, war auf das Jahr 1824 datiert. Ein Jahrzehnt später, nach weiterer massiver Einwanderung, besuchte Alexis de Tocqueville, ein französischer Gelehrter und Adliger, Amerika. Der Strom der Einwanderung war stärker geworden. Viele dieser Einwanderer, wie dargelegt, waren der Bodensatz Europas, der an Bord von Schiffen gebracht und in die Vereinigten Staaten verschifft wurde, nunmehr ein unabhängiges Land, um es zu einer Müllhalde zu machen. Tocqueville war beunruhigt über das, was er in den Städten sah. Er schreibt:
„Die Vereinigten Staaten haben keine Metropole, aber sie enthalten bereits mehrere sehr große Städte. Philadelphia zählte 161.000 Einwohner, New York 202.000 im Jahr 1830, der jüngsten Volkszählung. Die unteren Schichten, die diese Städte bewohnen, bilden einen Pöbel, der noch gefährlicher ist als das Volk europäischer Städte. Sie bestehen in erster Linie aus befreiten Schwarzen, die durch Gesetze und öffentliche Meinung zu einem erblichen Zustand von Elend und Degradierung verurteilt sind. Diese befreiten Schwarzen wurden von südlichen Besitzern freigelassen und zogen nach Norden; sie wurden zu einem großen Problem, da viele von ihnen zu Anführern krimineller Syndikate
Diese Menschen pflanzen den Vereinigten Staaten all unsere Laster ein, ohne jene Interessen mitzubringen, die ihre schädliche Wirkung aufwiegen könnten. Als Bewohner eines Landes, in dem ihnen die Bürgerrechte fehlen, sind sie bereit, alle Leidenschaften, die die Gemeinschaft bewegen, zu ihrem eigenen Vorteil auszunutzen. So sind in den letzten Monaten schwere Unruhen in Philadelphia und New York ausgebrochen. (Man füge in Klammern hinzu, daß Unruhen eine große Bedrohung für das Leben der Städte darstellten. Und während des Bürgerkriegs dauerten die Einberufungsunruhen eine Woche bis zehn Tage und zerstörten New York fast vollständig. Die Lage war völlig außer Kontrolle, Block für Block wurde niedergebrannt, und die Stadt lag in den Händen der Mobs.) Störungen dieser Art sind im übrigen Land unbekannt, das sich durch sie in keiner Weise beunruhigt sieht, weil die städtische Bevölkerung hier weder Macht noch Einfluß auf die ländlichen Bezirke ausübt. Dennoch betrachte ich die Größe gewisser amerikanischer Städte und besonders die Art ihrer Bevölkerung als eine wirkliche Gefahr, die die künftige Sicherheit der demokratischen Republiken der Neuen Welt bedroht. Und ich wage die Vorhersage, daß sie an diesem Umstand zugrunde gehen werden, es sei denn, der Regierung gelingt es, eine bewaffnete Macht zu schaffen, die, während sie der Kontrolle der Mehrheit der Nation untersteht, unabhängig von der Stadtbevölkerung ist und deren Exzesse zu unterdrücken vermag.
Hier der Kommentar eines äußerst scharfsinnigen politischen Beobachters.
Alle Städte im Osten, bis hin zu Orten von der Größe Salems mit damals 78.000 Einwohnern, wurden von dieser Einwanderungswelle überrollt. Und erst am Ende des Jahrhunderts erließen wir Gesetze, die die Einwanderung auf Personen von gutem Charakter beschränkten. Unser stehendes Heer war in jenem Abschnitt unserer Geschichte, abgesehen von Kriegszeiten, meist auf 100 oder 200 Mann reduziert. Lediglich eine Handvoll Offiziere, um im Bedarfsfall ein Milizaufgebot zu nutzen. Und als Folge der völligen Rechtlosigkeit in vielen dieser Städte sagte Tocqueville voraus, das Land werde zugrunde gehen, es sei denn, man schaffe ein großes stehendes Heer, um die Städte zu patrouillieren. Dies geschah nicht.
Und das Land ging nicht zugrunde. Warum? Wegen der Arbeit dieser christlichen Gesellschaften, die christliche Schulen errichteten, Unterweisung für eingewanderte Frauen und Männer boten, berufliche Ausbildung für eingewanderte Männer, Englischunterricht und dergleichen, so daß diese Menschen innerhalb von zwei Generationen zu gottesfürchtigen, gesetzestreuen Bürgern wurden, die ihren Gemeinden zur Ehre gereichten. Mit anderen Worten: Das Problem der Kriminalität wurde von der Schrift her angegangen. Die erneuernde Kraft Christi, und Christus ist ihr Fürsprecher vor Gott dem Vater. Die Folge war ein Wandel im Charakter des Landes.
Der christliche Mensch erkennt die Zusammenhänge der Dinge, weil er nicht durch die Sünde verblendet ist. Deshalb vermag er, durch Christus als seinen Fürsprecher, nicht nur seine eigenen Probleme, seine Sünden und seine Mängel zu bewältigen, sondern auch denen in der Welt um ihn herum zu begegnen. Denn er hat einen allmächtigen Fürsprecher und Tröster. Er ist ein freier und ein mächtiger Mensch. Und weil er die Quelle der Probleme seiner Zeit kennt, ist er fähig, den Nöten seiner Tage zu dienen. So wie vor anderthalb Jahrhunderten ein Problem in den Vereinigten Staaten, das ein ausländischer Beobachter unter vielen für das Ende der Republik in der Revolution hielt, stattdessen neues Leben und große Kraft brachte – und eine Bevölkerung, um den Kontinent zu besiedeln. So auch heute: Da wir wieder einem revolutionären Geist und einer steigenden Flut von Verbrechen gegenüberstehen, besitzen wir, die wir Christus als unseren Fürsprecher haben, den Schlüssel zu den Problemen unserer Zeit. Er allein kann unsere Bedürfnisse und die Bedürfnisse aller Menschen stillen.
Sie beherrschten sowohl die Politik des Landes als auch die Religion. Da die Sadduzäer die frühe Kirche teilweise wegen ihrer Lehre von der Auferstehung aller Gläubigen verlachten, erklärten die Pharisäer, sie glaubten an die Auferstehung, und schlossen sich in vielen Fällen der Kirche an. Sie wurden zu einem Problem. Die Judaisten, die Paulus unaufhörlich Schwierigkeiten bereiteten, waren Pharisäer. Sie besaßen nur einen dünnen Anstrich von Christentum, erkannten Christus nicht wirklich als Erlöser an und sahen die priesterliche Kaste, die Pharisäer, als den Erlöser. Folglich ist das, was man heute in all jenen Theologien findet, die lehren, ein Priester oder die Kirche sei der Mittler, schlicht eine Fortsetzung des Pharisäertums.
Die Bekehrung erfaßte nicht jeden Einwohner von New York, Salem, Boston, Philadelphia, Baltimore und der übrigen atlantischen Küstenstädte. Doch der Wandel war so umfassend und die Zahl derer, die für Christus gewonnen wurden, so groß, daß die Kräfte von Gesetz und Ordnung in allen Teilen der Gemeinde obsiegten. Selbst gesetzlose Elemente fügten sich oder zogen nach Westen. Natürlich wurden sie auch dort unaufhörlich verfolgt. Filme und Fernsehen vermitteln ein Bild des „Wilden Westens“ und gesetzloser Städte wie Dodge City oder Tombstone. Dabei wird übersehen, daß diese Städte meist nur zwei bis drei Jahre, selten fünf bis zehn Jahre lang „wild“ waren. Ihre Geschichte war sehr kurz. Sie entstanden, weil Gesetzlose der Rechtsordnung entflohen. Doch das Gesetz und der Einfluß der Christen holten sie ein, woraufhin sie weiter nach Westen zogen. Schließlich konzentrierten sie sich in San Francisco, das einen massiven Zustrom von Verbrechern aus Australien – den sogenannten „Sidney“ – verzeichnete. Der Goldrausch in Alaska zog einige von ihnen weiter fort, doch bis zum Ersten Weltkrieg waren sie im ganzen Land weitgehend beseitigt. Danach setzte eine neue Welle der Gesetzlosigkeit und des Unglaubens ein.
So entstand ein neues Problem: Kinder und Enkel gesetzestreuer Familien wurden gesetzlos. Das Bild des gesetzlosen Westens ist trügerisch. Es isoliert ein Phänomen, das sich an der Grenze, am Rande der Zivilisation, für einen kurzen Zeitraum ereignete, aber stets in Bewegung bleiben mußte, stets auf der Flucht war. Eine gewaltige Reformbewegung setzte um 1795 zur Zeit Timothy Dwights ein, entfaltete volle Kraft bis 1850 und ließ dann bis zum Ersten Weltkrieg nach.
Heute steht erneut eine solche Reformwelle bevor. Die christliche Schulbewegung steht an ihrer Spitze.
Salem wurde von Puritanern sehr früh in der Geschichte Neuenglands besiedelt, im siebzehnten Jahrhundert. Bemerkenswert an Neuengland — und natürlich am übrigen Land — war folgendes: Innerhalb von zwanzig Jahren wurde Neuengland sehr wohlhabend. Die schwierigen Jahre fielen in die 1620er und die frühen 1630er Jahre. Einer der Wege zu ihrem Wohlstand lag darin, daß es sich um Stadtbewohner handelte, die nichts vom Ackerbau verstanden; es waren Büroarbeiter, die sich in einer Wildnis wiederfanden, ohne jedes praktische Wissen. Sie wußten nicht, wie man ein Haus baut, und die ersten Unterkünfte, die sie errichteten, waren nicht viel mehr als Pferchkonstruktionen, über die man ein Dach geworfen hatte. So lebten sie in den allerersten Jahren. Ihr Leben war die ersten fünf bis zehn Jahre sehr beschwerlich. Doch sie brachen drastisch mit vielen europäischen Gepflogenheiten, und eine davon war die Besteuerung.
Ein Punkt, den die damalige Regierung gut zu studieren getan hätte. Denn was sie tat, war beispielsweise dies: Man erkannte, daß vor der Küste Neuenglands ein gewaltiger Fischreichtum bestand. Menschen kamen aus England und Frankreich in Booten, um zu fischen und den ganzen Weg zurückzufahren. Warum sollten wir nicht selbst fischen? Und warum sollten wir nicht Schiffe nach China und Indien schicken, um Waren nach Europa zu bringen? So erließ man ein Gesetz, das für eine bestimmte Zahl von Jahren Steuerfreiheit für jeden vorsah, der ein Schiff baute und erfolgreich betrieb. Natürlich bot dies sehr reale Aussichten auf Wohlstand, so daß sofort jedermann versuchte, Schiffe zu bauen. Man holte Fachleute aus Europa, die dabei helfen konnten. Fünf oder zehn Jahre lang beherrschten sie die Meere, in der ganzen Welt. Und damit begann die Herrschaft der neuenglischen Händler über die ganze Welt, und die neuenglischen Schiffbauer waren die besten der Welt. Dies bedeutete, daß man um 1635 bis in die 1640er Jahre hinein, statt ein Ort für religiöse Sonderlinge zu sein, die England verlassen hatten, weil sie solche Bibelfanatiker waren, ein Ort wurde, zu dem viele Menschen kamen, deren Einstellung war: Hier läßt sich gut leben. Viele dieser Menschen waren in ihrem Glauben gründlich heidnisch. Und sofort, als der Bürgerkrieg in England ausbrach, zwischen den Truppen Karls I. und Cromwells, begannen diese heidnischen Elemente, sich recht lautstark zu äußern. Dies bedeutete die Wiederbelebung alter Fruchtbarkeitskulte und sexueller Verehrung. Übrigens sagt das neueste Buch eines Gelehrten, der keineswegs Christ ist, über die Hexenprozesse von Salem, daß die Ankläger recht hatten. Die Angeklagten praktizierten eine Reihe von Dingen, die eindeutig gegen das Gesetz verstießen. Sie waren definitiv subversiv gegenüber Gesetz und Ordnung der Gemeinde.
Die fortgesetzte Einwanderung nach 1640 brachte die Pilger und Puritaner in ständige Bedrängnis, da Verwandte und Landsleute aus England eintrafen, die ihrem Glauben feindlich gegenüberstanden. Die Gerichtsakten zeigen, daß plötzlich Vergehen auftauchten, die zuvor unbekannt waren. Dennoch behielten die Siedler die Lage unter Kontrolle: strenge Gesetze zur Kirchgangspflicht und zur christlichen Erziehung der Kinder zwangen die Neuankömmlinge zu einer anderen Lebensführung.
Eine neue Herausforderung entstand mit dem Franzosen- und Indianerkrieg. Britische Truppen wurden in die Kolonien verlegt. Timothy Dwight, den ich bereits zitierte, schildert ausführlich die Auswirkungen dieser Soldaten auf Neuengland. Es handelte sich um ausgesprochen schlechte Charaktere, die durch Pressgangs in den Slums von London, Liverpool und anderswo zwangsrekrutiert worden waren. Ihre Entfesselung in einer geordneten Gemeinschaft wirkte verheerend, zumal die Männer an der Grenze gegen Franzosen und Indianer kämpften. In der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts brach dadurch eine Welle sittlicher Verwilderung über die Kolonien herein; es dauerte ein bis zwei Jahrzehnte, bis die Verhältnisse wieder geordnet waren.
Die Geschichte dieser Einwanderungswellen ist lehrreich. Manche Zuwanderer — etwa jene, die den Puritanern nachfolgten — waren von hervorragender körperlicher und geistiger Anlage, doch moralisch tief verdorben. Amerika stellt sich somit als eine Aufeinanderfolge von Reformbewegungen dar, durch die der grundlegende puritanische Charakter des Landes bewahrt wurde.
Der Puritanismus breitete sich nach Süden aus — ein Kapitel, das selten geschrieben wurde. Zur Zeit des Unabhängigkeitskrieges begann diese südwärts gerichtete Ausbreitung, die bis zum Bürgerkrieg dazu führte, daß der Süden zur Hochburg des Puritanismus und zum Sitz seiner führenden Denker wurde. Stonewall Jacksons Puritanismus ist bekannt; sein Kaplan Dabney zählte zu den bedeutendsten Denkern des Landes. Bedauerlicherweise wurde bei der jüngsten Neuausgabe seiner gesammelten Werke der dritte Band weggelassen, der wichtige Ausführungen zu Politik und Ökonomie enthält. Der Grund lag in seinen abfälligen Bemerkungen über den Charakter der Neger, die man nicht wiederveröffentlichen wollte.
Die Puritaner sind nicht presbyterianisch. Man kann …
In England lag das Problem, nicht in diesem Land. In England verfolgten sowohl die Presbyterianer als auch die Episkopalianer, oder Anglikaner, das Ziel einer etablierten Kirche, die das Land beherrschen und keine andere religiöse Gemeinschaft dulden sollte. In diesem Ziel waren sie einig. Es entbrannte ein Kampf zwischen der presbyterianischen Partei und der anglo-katholischen Partei innerhalb der Church of England um die Vorherrschaft. Die anglo-katholische Partei war in jenen Tagen überwiegend romfreundlich eingestellt. Unter Karl I. und Erzbischof Laud betrieben sie geheime Schritte in diese Richtung. Es war somit ein Kampf zwischen den Calvinisten einerseits und den Thomisten und Römisch-Katholiken andererseits um die Kontrolle der etablierten Church of England. Beide Seiten unterlagen. Als Karl II. zurückkehrte, entfernte er zunächst die Presbyterianer, wobei er die andere Partei als Hilfe nutzte, und nachdem er 1662 die presbyterianische Partei beseitigt hatte, schaltete er einige Jahre später auch die Anglo-Katholiken aus.
Er schuf lediglich eine Kirche politischer Günstlinge für mehrere Generationen. Diese verfügte über sehr wenige Pfarrer, die tatsächlich die Gottesdienste versahen. Die meisten waren politische Ernennungen, die sich am Hof aufhielten. So war die Kirche für geraume Zeit praktisch tot. Die Puritaner waren Calvinisten. Manchmal gehörten sie dem presbyterianischen, manchmal dem anglikanischen Lager an. Immer mehr, besonders die in diesem Land, wurden Kongregationalisten. Und manchmal waren sie Baptisten.