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Martin Bucer Seminar

Rushdoony, «Human Nature» · Lektion 15 · Zweiter Stand · Episode 2

Die Schuld

1. Mose 3,7–13
Und die Augen beider wurden geöffnet, und sie erkannten, daß sie nackt waren; und sie nähten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. Und sie hörten die Stimme des HERRN Gottes, der im Garten wandelte bei der kühlen Tageszeit; und Adam und sein Weib versteckten sich vor dem Angesicht des HERRN Gottes zwischen den Bäumen des Gartens. Und der HERR Gott rief dem Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte deine Stimme im Garten, und ich fürchtete mich, weil ich nackt war; und ich verbarg mich. Und er sprach: Wer hat dir gesagt, daß du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem ich dir gebot, du sollst nicht davon essen? Und der Mensch sprach: Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß. Und der HERR Gott sprach zu dem Weib: Warum hast du das getan? Und das Weib sprach: Die Schlange betrog mich, und ich aß.

Schuld ist zentral für die Psychologie des gefallenen Menschen. Es ist unmöglich, irgendeine Kultur irgendwo in der Welt zu finden, in der Schuld nicht tief verwurzelt ist – sowohl in der sozialen als in der persönlichen Psychologie der Menschen. Schuld ist eine Folge der Sünde. Die ursprüngliche oder primäre Sünde ist die Versuchung, wie Gott zu sein: nämlich, selbst Gut und Böse zu bestimmen. Alle Sünde ist ein Produkt dieser ursprünglichen Sünde; alle Schuld steht in Zusammenhang mit diesem Faktum. Bei der Analyse seiner selbst durch seine verschiedenen Psychologien ist das Kennzeichnende am Menschen jedoch, daß er den Begriff Sünde vermeidet. Das Wort Sünde hat in der modernen Psychologie keinen Platz. Schuld wird zugegeben. Schuld ist eine zu gegenwärtige Tatsache, sie ist zu dominant in der Psychologie des gefallenen Menschen, als daß sie ignoriert werden könnte. Doch wird Schuld in der modernen Psychologie vom Faktum der Sünde getrennt. Sünde verweist auf eine Tat, eine Gesetzesübertretung, auf Verantwortung und auf Gott.

Schuld tut dies ebenfalls. Doch kann sie nicht so leicht beiseitegeschoben werden, da sie die Psychologie des Menschen infiziert. Und indem die moderne Psychologie versucht, die Schuld vom Faktum der Sünde zu trennen, hat sie versucht, die Schuld lediglich zu einem Gemütszustand und einem Aspekt der urzeitlichen Vergangenheit des Menschen zu machen. Die Reaktion Adams und Evas auf die Schuld war sehr einfach: es war ein geradliniger Environmentalismus. Adam sagte nicht: Ich habe gesündigt und das getan, was böse ist in deinen Augen. Stattdessen lautete seine Entschuldigung: Es ist nicht meine Schuld, sondern die des Weibes. Mehr noch: das Weib, das du mir gegeben hast, bei mir zu sein – es ist deine Schuld, weil du sie mir gegeben hast. Und natürlich war die Psychologie Evas dieselbe, wieder Environmentalismus: Die Schlange betrog mich, und ich aß. Das arme kleine unschuldige Ich; ich hätte es nicht aus eigenem Antrieb getan.

Bei Lamech zeigt sich, wie bereits dargelegt, eine differenziertere Haltung zur Schuld. Er rühmte sich seiner Sünde und erklärte sie zu Tugend, Stärke und Prinzip in sich. Damit versuchte er, Sünde und Schuld zu leugnen, indem er die Haltung einnahm, nichts Unrechtes getan, im Gegenteil, alles richtig gemacht zu haben. Doch Schuldgefühle bleiben bestehen. Der moderne Mensch wird stark von Schuldgefühlen geplagt. Daher ist es wichtig, zu erkennen, was Freud leistete; darauf wurde bereits hingewiesen, ausführlicher wird darauf in der Schrift über Freud eingegangen. Freud erkannte dies sehr klar und sagte, daß alle Versuche der Menschen, durch Wissenschaft zu beweisen, es gebe keinen Gott, nutzlos seien. Solange der Mensch sich schuldig fühle, werde er einen Erlöser suchen, Gott suchen. Es galt daher, die Schuld nicht länger als religiöse Frage, sondern als wissenschaftliches Problem zu behandeln und sie wissenschaftlich wegzuerklären. Er führte sie, W. Robertson Smith folgend, auf einen Teil der urzeitlichen Vergangenheit des Menschen zurück. Wie in der Schrift über Freud dargelegt, hat das Werk Smiths die gesamte moderne Religion beeinflußt, da in praktisch jedem Priesterseminar heute, mit Ausnahme von vielleicht ein oder zwei, die Ideen W. Robertson Smiths die gesamte Lehre bestimmen.

Welchen Standpunkt vertrat Smith, den Freud übernahm? Zusammengefaßt, wie ihn Smith und Freud entwickelten, besteht der Lebenswille des Menschen aus drei grundlegenden Trieben, die auf die Urzeit der Menschheit zurückreichen. Auf die Zeit, als der Mensch als Höhlenbewohner in einer Horde lebte. Damals war der Vater die dominierende Gestalt; er besaß alle Frauen und Töchter und vertrieb die Söhne, sobald diese ein bestimmtes Alter erreicht hatten. Schließlich schlossen sich die Söhne zusammen, töteten den Vater, bemächtigten sich der Frauen und Töchter und verzehrten den Vater. Nach Smith und Freud — und dies bildet die Grundlage der gesamten modernen Psychologie — entstand dabei ein Schuldgefühl; da sich dies über die Zeitalter hinweg immer wiederholte, ist der Lebenswille präzise diese drei Impulse: Vatermord, Inzest und Kannibalismus. Diese Impulse sind auch präzise das Schuldgefühl. Für Freud war der einzige Weg, Schuldgefühle zu beseitigen, sie als das zu erkennen, was sie sind. Damit hob er jedoch zugleich den Lebenswillen auf. Deshalb war Freud, als er vierzig Jahre alt war, nachdem er diese Vorstellung übernommen hatte, laut seinem offiziellen Biographen impotent. Da er Schuld und Lebenswille miteinander verknüpft hatte, war in ihm eigentlich kein Lebenswille mehr vorhanden, keine wirkliche Leistungsfähigkeit mehr. Die sexuelle Revolution der Gegenwart hat versucht, die Schuld zu tilgen, indem sie das Böse gut nannte. Indem sie behauptete, alles, worüber sich der Mensch schuldig fühle, sei in Wirklichkeit etwas sehr Gutes. Warum sollte er sich also schuldig fühlen? Man solle die Dinge tun, über die man sich schuldig gefühlt habe. Man solle anerkennen, daß es kein Gesetz gegen sexuelle Vergehen gebe, daß die Gesetze gegen Diebstahl und Mord soziologischer und pragmatischer Natur seien und all diesen Dingen keine wirkliche moralische Grundlage zugrunde liege. Deshalb wird von der Neuen Linken nachdrücklich betont, daß die sexuelle Revolution und die politische Revolution ein und dieselbe sind.

Nun billigt all dem der sehr prominente Psychologe Rollo May, der an Harvard und Princeton sowie anderen Hochschulen lehrt, ganz entschieden. Er sagt jedoch: „Externe soziale Angst und Schuld haben abgenommen. Stumpf wäre der Mann, der sich nicht darüber freute. Aber interne Angst und Schuld haben zugenommen.“ Was sagt er damit? Ganz einfach: Die Revolution hat darin gewirkt, die äußeren Barrieren abzubauen; in vielen Kreisen gilt nun nichts mehr als verwerflich, wenn man diese Dinge tut, so daß die soziale Schuld weitgehend abgebaut wurde. Hinzu kommt, daß er zugibt, die sexuelle Revolution habe die Probleme nicht gelöst, die sie zu lösen versprach: „Wir sehen uns der kuriosen Situation gegenüber, daß mehr Empfängnisverhütung mehr uneheliche Schwangerschaften nach sich zieht.“ Ein anderer Psychologe hat festgestellt, daß viele dieser unehelichen Schwangerschaften masochistische und sadistische Schuldgefühle offenbaren. Tatsächlich gibt May an einer Stelle zu, daß die sexuelle Revolution in einer neuen Form der Selbstkastration endet. Ein weiterer Schriftsteller, Elliot, der sich zu Schweden äußert, hat eingeräumt, daß es dort eine hohe Selbstmordrate gibt, die mit dem Fortschreiten der sexuellen Revolution zunimmt. Eines der Dinge, die einen Helden in einem schwedischen Film für das Publikum sehr heldenhaft machten, war die in seinem Satz zum Ausdruck kommende Haltung: Mein Bedürfnis ist, tot zu sein. Absolut, völlig tot. Ein interessanter Kommentar, einen Mann zum Helden zu machen. Auch der Alkoholismus hat zugenommen, da Männer vor dem Leben davongelaufen sind, in Schweden.

Schuld ist, mit anderen Worten, grundlegend für die modernen Psychologien. Sie wollen sie zu einem wissenschaftlichen Problem machen, aber ist ihre Antwort wissenschaftlich? Natürlich haben Robertson Smith und Freud nichts anderes getan, als einen Mythos zu schaffen. Nicht die geringste Spur von Beweisen findet sich für irgendeine der Ideen, die sie über den primitiven Menschen postulierten, falls ein solcher jemals existierte, woran wir nicht glauben. Zudem hat ein Gelehrter darauf hingewiesen, daß sie, indem sie für sich in Anspruch nehmen, wissenschaftlich zu sein, in Wirklichkeit nur zum antiken Griechenland oder zum Heidentum zurückkehren und heidnische Ideen anstelle christlicher übernehmen. Sein Kommentar war sehr treffend:

„Seltsamerweise erzielen jene Psychologen, die am heftigsten darauf bestanden haben, daß ihre Arbeit wissenschaftlich sei, Ergebnisse, die auffallend ähnlich sind den Ansichten, die Griechen und andere in vergangenen Jahrtausenden vertraten. Sie legten den Konflikt außerhalb des Menschen selbst und fanden dann keinen Weg, ihn zu lösen, sondern gelangten schließlich zu Unsinn. Denn in der letzten Analyse macht es keinen großen Unterschied, ob der Unsinn darin gesehen wird, daß wir Menschen der Willkür einer Schar dummer Götter ausgeliefert sind, oder darin, daß wir Tiere ohne Vernunft sind, gefangen in einer verrückt gewordenen sozialen Umwelt und terrorisiert von einer physischen Umwelt von gewaltiger Macht in den Händen einer verrückten Gesellschaft. Wenn der Mensch geglaubt hat, sich selbst von der Verantwortung für seine eigene Not zu befreien und sich dadurch in seinen eigenen Augen zu würdigen, so dürfen wir mit Recht fragen, ob er diesem Ziel nähergekommen ist, als er als akademischer Psychologe in moderner Zeit auftrat, als er es in früheren Zeitaltern mittels Mythos tat.“

Der Gelehrte hat recht. Alles, was sie getan haben, ist die Rückkehr zu den dummen Mythen alter Zeiten. Diese besagen, daß die Schuld außerhalb des Menschen liegt. Daß Verantwortung, mit anderen Worten, außerhalb des Menschen liegt. Und was geschieht, wenn man das tut, sei man Grieche oder Hindu? Man endet damit, zu sagen, das Universum sei Unsinn, es sei verkehrt, und daher sei alles Leben vergeblich, weil alles um mich gegen mich verschworen ist. Und deshalb stecke ich in der Misere, in der ich stecke. Und so endet man damit, mit Buddha zu sagen, das Wunderbarste sei Nirwana, Auslöschung, Vernichtung.

Bei den Neuplatonikern der griechisch-römischen Kultur galt der Tod als das Beste, das dem Menschen widerfahren kann. Was danach folgt, bleibt unbekannt; immerhin ist man diesem Elend entronnen, in welches andere Wirren auch immer man sonst geraten mag. Bei den römischen Stoikern heißt es, der wahre Philosoph sei der Mensch, der empfindet nichts mehr. Wenn man in geselliger Runde eine Idee erörtert und man berichtet dir, dein Haus sei abgebrannt, dein ganzes Vermögen verloren, deine Frau und deine Kinder tot, so berührt dich das nicht, weil dir nichts wichtig ist. Dann bist du angekommen. Mit anderen Worten: Der Mensch wird auf das Nichts reduziert, und die Welt ist Unsinn.

Seit der Renaissance hat der moderne humanistische Mensch, gleich Adam und Eva, diesen heidnischen Weg beschritten und erklärt: Das Universum, das ist Gott. Nicht ich — die Frau, die du mir gabst, sie gab mir, und ich aß. Die Schlange betrog mich, und ich aß. Nicht ich. Seit der Renaissance ist der moderne Mensch darauf bedacht, Gott und die Schuld zu beseitigen und Freiheit in moralischer Autonomie von Gott zu finden. Das bedeutet auch Freiheit von der Kirche, Freiheit von allem, was von Gott redet. Als Folge haben wir das geschaffen, was schon der Antike eigen war: den totalitären Staat. Je mehr der Mensch sich von der Erkenntnis Gottes und der Schuld des Menschen vor Gott, von der Verantwortung des Menschen entfernt, desto mehr schafft er unweigerlich einen autoritären, totalitären Staat, der ihm die Freiheit nimmt.

Dies ist selbstverständlich der Antrieb der sexuellen und der politischen Revolution unserer Zeit. Was immer sie sonst vorgeben mögen: Sie schaffen einen Superstaat, der, in Hegels Worten, „Gott auf Erden wandelnd“ ist. Der pornografische Film „I am Curious, Yellow“ wurde in diesem Land vorwiegend als Sexualfilm wahrgenommen; interessant ist, daß man ihn in Schweden noch stärker als politischen Film ansah. Die schwedischen Zuschauer empfanden ihn als zu politisch; sie erfaßen die politischen Anspielungen offenbar besser als das amerikanische Publikum. Bezeichnend ist, daß die Darstellerin der Hauptrolle, Lena Nyman, ihre Rolle als religiös verstand und in einem Interview sagte, sie habe eine Art „Sex-Heiland“ in diesem Film sein wollen.

Alles, was der moderne Mensch tut, um die Schuld zu beseitigen, führt nur zu umso mehr Ausbrüchen von Schuld, zu umso mehr sadistischen und masochistischen Akten, die offenbaren, daß er nicht nur von Schuld überwältigt ist, sondern sie — beim Sadisten — auf die ihn umgebende Welt zu projizieren sucht oder — beim Masochisten — durch masochistische Betätigung abzuarbeiten versucht. Der Christ muß all dies zurückweisen. Er muß bekennen: Ich, ja ich habe gesündigt und das getan, was böse ist vor deinen Augen. Daß die Ursache der Schuld die Sünde ist.

Wenn man sich erneut einem Theologen des zwanzigsten Jahrhunderts zuwendet, so hat dieser die christliche Position zur Verantwortung für die Schuld in vortrefflicher Weise zusammengefaßt — obgleich er in keiner Weise ein orthodoxer Christ ist und unsere Perspektive nicht teilt. Er hat gesagt, und ich zitiere: „Im Christentum wird allgemein die Auffassung vertreten, daß die Verantwortung im Menschen selbst liegt. Jeder mögliche Ausweg vor dieser harten Schlußfolgerung scheint in der christlichen Lehre versperrt. Es ist kaum notwendig, an die charakteristische Betonung der christlichen Lehre hinsichtlich der Verantwortung des Menschen zu erinnern, so vertraut sind sie. Was ist vom Menschen zu sagen? Er ist verantwortlich für den Ausgang seines Konflikts; ihm wird die Genugtuung genommen, über einen anderen Menschen zu richten, ebensowenig über seinen eigenen Zustand, der des Gerichts bedarf; er ist der Sünder, und der Sünde Sold ist der Tod. Er ist verantwortlich für die Notlage, in die ihn seine eigenen Sünden gebracht haben. Ihm wird sogar eine Art Verantwortung zugerechnet, die in die Vergangenheit reicht und seine Vererbung mit umfaßt. Er ist davon abgehalten, die Schuld für seine eigene Situation seinen Vätern oder den Vätern vor ihnen zuzuschieben. Noch mehr: In vielen Strömungen christlichen Denkens wird er für die Sünden der Väter selbst haftbar gemacht, wie es Jesus sagte: daß das Blut aller Propheten, das seit Grundlegung der Welt vergossen worden ist, von diesem Geschlecht gefordert werden wird. Lukas 11,50.“

Lukas 11,50 Auf daß das Blut aller Propheten, das von Grundlegung der Welt an vergossen worden ist, von diesem Geschlecht gefordert werde.

Wenn zur Lehre, daß jeder Mensch ein Sünder ist, die noch schwierigeren Lehren von der Erbsünde hinzukommen, so bleibt wenig hinzuzufügen, um daran zu erinnern, daß im Christentum die Verantwortung im Menschen selbst gesehen wird. Und doch besagt es im Christentum wenig, zu sagen, der Mensch sei verantwortlich; denn der Mensch ist Gott verantwortlich. Im Christentum, wie auch im Judentum und im Islam, steht der Mensch unter dem Gericht Gottes; er ist ein Leidender, aber er ist mehr als das: er ist ein Übertreter. Es ist der Wille oder das Gesetz Gottes, das er nicht gehalten hat.

Lukas 11,50:

damit das Blut aller Propheten, das seit Grundlegung der Welt vergossen worden ist, von diesem Geschlecht gefordert werde

Der Vers, den eine Zuhörerin anführte, ist sehr aufschlußreich. Er sagt viel über die biblische Lehre von Verantwortung und Schuld aus. In diesem Vers sagte unser Herr, daß das Blut aller Propheten, das seit Grundlegung der Welt vergossen worden ist, von diesem Geschlecht gefordert werden könne. Das ist eine erschütternde Erklärung. Was meinte unser Herr damit? Abgesehen von der konkreten Anwendung auf das Geschlecht seiner Zeit meinte er, daß in jedem Geschlecht jeder von uns ein Erbe aus der Vergangenheit empfängt. Gutes und Böses. Keiner von uns wird leer in die Welt hineingeboren. Wir werden in eine Welt hineingeboren, die alles um uns herum bereithält; es ist eine erfüllte Welt. Vieles davon ist gut, vieles ist böse. Wir erben den ganzen Reichtum, den ganzen erfinderischen Geist, den ganzen Fortschritt von Jahrtausenden. Das ist die gute Seite. Auf der schlechten Seite stehen die Schuld, der Abfall, das Böse, das Menschen getan haben; auch das haben wir geerbt. Wir haben Rechenschaft abzulegen. Sowohl für den Reichtum, den wir empfangen, als auch für die Schuld, die wir aus der Vergangenheit empfangen. Es ist persönlich, keine Kollektivschuld. Wie gehen wir damit um? Treten wir den Übeln entgegen, die in der Welt vorherrschen, wie wir sie vorfinden? Und setzen wir den Reichtum zur Ehre Gottes ein als Verwalter unter Gott?

Was unser Herr sagte, galt jedem seiner Generation. Was taten die Jünger? Durch Wiedergeburt bekannten sie ihre Schuld und Christus als ihren Sündenträger. Durch Heiligung, durch Gehorsam gegen das Gesetz Gottes, wirkten sie darauf hin, das Unrecht zu beseitigen, damit sie die Welt besser hinterließen, als sie sie vorfanden – und sie taten es. So auch wir: wir haben eine Verpflichtung, und das Blut der Vergangenheit wird von uns gefordert. Wir müssen Rechenschaft ablegen. Und der Reichtum der Vergangenheit wird von uns gefordert; wir müssen Rechenschaft ablegen darüber, wie wir die Welt hinterlassen. Der gefallene Mensch – wie ein Psychologe es anschaulich darlegte – je mehr er die Schuld äußerlich leugnet, je mehr er gesellschaftlich behauptet, es gebe keine Schuld, desto mehr wächst der innere Schuldruck. Und ein anderer Psychologe hat erkannt, daß, wenn sich Schuld innerlich aufstaut, der Mensch gefährlich wird. Denn er wird dann von einem Willen zum Tod beherrscht. Und er wird gesellschaftlich zerstörerisch. Wir müssen daher sagen: Wenn eine Gesellschaft die Schuld vor Gott leugnet, wenn sie leugnet, daß sie Sünderin ist, wird ihr Kurs selbstmörderisch sein. In ihrer Politik, in ihrer Wirtschaft, in ihrer Religion, in ihrem Verkehrswesen und in ihren persönlichen Beziehungen zu anderen. Er wird selbstmörderisch sein, er wird mörderisch sein. Sünde ist ein gesetzloser Angriff gegen Gottes Ordnung. Schuld wird entweder gesühnt und beseitigt, oder sie sucht jene Rolle fortzusetzen. Sie sucht neue Angriffsfronten gegen Gott und seine Gesetzesordnung. Ein zeitgenössisches Beispiel zeigte, daß Gesellschaften, welche die Schuld leugnen, kulturell gewalttätige und gesetzlose Inhalte bevorzugen.

Solche Filme werden in Schweden weitgehend verboten. Als Begründung dient der Vorwand übermäßiger Gewaltdarstellung, obwohl die einheimischen Produktionen weit mehr Gewalt enthalten. Noch aufschlussreicher ist die Tatsache, daß pornografische Filme zu 75 Prozent aus staatlichen Mitteln subventioniert werden. Sozialistische Regierungen betreiben systematisch die sittliche Verderbung der eigenen Bevölkerung, während sie ihre Herrschaft über sie sichern. Bezeichnend für Skandinavien ist, daß, da neue Grenzen für den Angriff auf die göttliche Ordnung gesucht werden, Inzest als normal und sogar als überlegene Form der Sexualität propagiert wird. Verschiedene Wissenschaftler bemühen sich, zu beweisen, daß es der überlegene Mensch, die überlegenen Eltern und Kinder seien, die sich solcher Betätigung hingäben. Es handelt sich um einen staatlichen Angriff auf Gottes Ordnung. Der gefallene Mensch redet zwar von einer neuen Ordnung, doch besteht diese im Wesen nur in einem fortdauernden Angriff auf Gottes Ordnung und in einer lauten Leugnung der Schuld vor Gott. Doch die Schuld bleibt bestehen. Sie muß entweder durch Jesus Christus gesühnt werden, oder der Mensch wird versuchen, jemand anderen für sie sühnen zu lassen. Der Drang nach Sühne ist dem Menschen grundlegend eigen. Sühne ist nicht bloß ein religiöser Begriff. In „The Politics of Guilt and Pity“ habe ich diesen Sachverhalt ausführlich dargelegt.

Kurz gefaßt: Sühne ist grundlegend für die Psychologie jedes lebenden Menschen. Jeder Mensch bedarf ihrer. Er wird sie entweder in Jesus Christus finden oder durch wilde, mörderische Tätigkeit versuchen, einen anderen zum Sündenbock zu machen. So wird der mörderische Angriff gegen Gott und gegen Gottes Ordnung zunehmen, da die Menschen jemanden suchen, dessen Blut für ihre Sühne vergossen werden muß, auf den die Schuld abgewälzt werden kann. „Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß.“ Nicht ich, sondern das Gericht soll über das Weib und über dich, Gott, hereinbrechen. Dies ist der Weg, Sühne für das Geschehene zu schaffen. Und dies ist heute die Politik der modernen Welt: eine Politik der Sühne, bei der die Schuld jedem angelastet wird, der unschuldig ist, der erfolgreich ist, der sich gegen die Revolution des Menschen gegen Gott stellt. Doch wie Gott deutlich machte: Jedes Haus, das auf Sand gebaut ist, wird, wenn der Sturm des Gerichts kommt, Gottes Gericht, einen großen Sturz erleiden. Das Haus aber, das auf dem Felsen, Jesus Christus, gebaut ist, wird bestehen.

Die Versuchung Christi in der Wüste war in jedem Sinne eine wirkliche Versuchung, obgleich er sündlos war; denn er wurde in allen Stücken versucht wie wir. So war er, während er wahrer Gott von wahrer Gott war, auch wahrer Mensch von wahrer Mensch, wahrhaft Mensch. Worin bestand die Versuchung im Grunde? „Bist du Gottes Sohn“, so lautet die Herausforderung, „so sprich, daß diese Steine Brot werden.“ Die Armen sind in Not, nicht durch eigene Schuld, sondern durch die Umwelt, durch Gott; also schaffe Abhilfe auf dem leichten Weg. Gewähre ihnen Sicherheit von der Wiege bis zur Bahre. „Bist du Gottes Sohn“, so heißt es weiter, „so wirf dich hinab von der Zinne des Tempels.“ Schenke ihnen Wunder, damit der Glaube keine Schwierigkeit mehr bereitet; sie sollen sehen und dadurch bewiesen erhalten, daß du ein übernatürliches Wesen bist. Und schließlich: „Falle nieder und bete mich an.“ Erkenne die Berechtigung meines Tuns an. Damit wird behauptet, der Mensch habe einen Rechtsanspruch gegen Gott; die Verantwortung liege nicht beim Menschen, sondern bei Gott. Unser Herr antwortete an jedem Punkt, indem er das Gesetz Gottes zitierte. Die Versuchung war dennoch wirklich in dieser Form, denn der Herr empfand Mitleid mit den Menschen, er war wahrer Mensch von wahrer Mensch. Wir kennen seine Trauer über das Volk, selbst als er in Jerusalem einzog und weinte.

Lukas 19,41–44 Und als er naht und die Stadt sieht, weint er über sie und spricht: Wenn du doch an diesem Tage erkenntest, was zu deinem Frieden dient! Nun aber ist es vor deinen Augen verborgen.

Als er das Kreuz nach Golgatha trug, wandte er sich an die Frauen Jerusalems und sprach: „Töchter Jerusalems, weinet nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder“; denn er wußte, was kommen würde. In diesem Sinne war die Versuchung wirklich: er wußte, was getan werden könnte, aber er wußte auch, daß er es nicht tun würde und nicht tun konnte.

Die ältesten Zeugnisse der Menschheit weisen auf eine sehr hohe Kultur hin. Die frühesten Zivilisationen, die wir freigelegt haben, sind die der minoischen Kultur auf Kreta. Wie bereits dargelegt — und ich zeigte einst Bilder der minoischen Kultur —, findet man dort an der Schwelle der Geschichte einen dreistöckigen Palast mit Warm- und Kaltwasseranschluß, Spültoiletten, kurz: jedes Merkmal einer hochentwickelten Zivilisation, und das ganz am Anfang. Der sogenannte Höhlenmensch wird nur durch einige wenige Höhlen in Europa belegt, die offenbar im Sommer als Aufenthaltsort dienten, wenn die Nächte in den Häusern zu heiß waren. Es gibt keinen Beweis dafür, daß die Menschen, die sich in diesen wenigen europäischen Höhlen aufhielten, Primitiven waren. Die von ihnen hinterlassene Kunst war hochentwickelt und stilisiert, keineswegs primitiv. Aus einer Handvoll Höhlen und einigen Funden darin wurde das gesamte Konzept des Höhlenmenschen konstruiert, das in der Realität nicht existiert.

Die sogenannten primitiven Völker geben keinen Hinweis darauf, primitiv zu sein, sondern vielmehr darauf, degeneriert zu sein. Dekadent. Ihre Sprachen deuten häufig darauf hin, daß es sich um weit höher entwickelte, feinere und ausgebildete Sprachen handelt als das Englische oder Französische. Vor einigen Jahren, während ich als Missionar in einem Indianerreservat tätig war, begegnete ich einem schwedischen Psychologen, der die Sprache eines Peyote-Stammes untersuchte. Die meisten Gelehrten gingen davon aus, daß dieses Volk als primitiv lediglich über etwa sechshundert Wörter verfüge. Tatsächlich aber, so der Psychologe, umfasse die Sprache mehr Wörter als das Englische; sie sei hochentwickelt und besitze Konjugationen und Deklinationen, die im Englischen oder Schwedischen unbekannt sind. Das ist euer primitiver Mensch.

Die australischen Ureinwohner wurden als die niedrigste Gesellschaftsform bezeichnet. Ein Grund für ihre kulturelle Niedrigkeit liegt darin, daß ihrer Kultur jede Disziplin fehlt; alles ist gänzlich freiwillig. Wo alles freiwillig ist, tritt ein radikaler gesellschaftlicher Zusammenbruch ein. Die von Forschern gesammelten Zeugnisse ihrer Kultur weisen jedoch auf eine hochverfeinerte Sprache, einen umfangreichen Wissensschatz und einen bedeutenden Status der Frauen hin. Man hatte angenommen, die Frauen der Ureinwohner seien die niedrigsten Geschöpfe auf Erden. Eine Forscherin, die Jahre unter den Frauen der australischen Ureinwohner verbrachte, berichtete dagegen nicht nur von einem hochentwickelten Wissen und einer hohen Kultur, sondern auch von der bedeutenden Stellung, die die Frauen unter ihnen einnahmen.

Vor kurzem wurde eine kleine Gruppe von Aborigines entdeckt, die niemals Kontakt mit Weißen gehabt hatte, und eine Reihe von Anthropologen arbeitete einige Zeit unter ihnen. Wiederum deutet das Material auf eine hochentwickelte Gesellschaft hin, die jedoch nicht weit fortgeschritten ist, weil ihr die Disziplin fehlt. Dies ist ein Kennzeichen all dieser sogenannten primitiven Kulturen: Es fehlt jedes Bewußtsein für Disziplin oder Strafe. Ein Punkt, den ich bereits früher angemerkt habe: Als ich unter Indianern war, fiel mir am stärksten auf, daß ich mich nicht erinnere, je ein weinendes Baby gehört zu haben. Das kam schlicht nicht vor. Sobald ein Baby auch nur die geringste Unruhe zeigte, erhielt es die Brust; es wurde nie frustriert. Wollte ein Kleinkind mit älteren Kindern spielen, wurde es in das Spiel aufgenommen, auch wenn dies das Spiel beendete. Niemand tat etwas, um einen anderen zu frustrieren. Deshalb waren sie bereits in der vierten Klasse auf dem Weg, Alkoholiker zu werden. Man sieht: keine Frustration. Aber das Leben frustriert. Und je weniger ein Kind Frustration erfährt, desto machtloser ist es im Umgang damit. Deshalb kommen die sogenannten primitiven Kulturen nicht weit. Ihnen fehlt schlicht die Fähigkeit, sich durch Selbstdisziplin mit den Dingen auseinanderzusetzen. Das Einzige, wozu sie Disziplin aufbringen, ist das Ertragen minimalster Lebensbedingungen und großer Strafen. Mit anderen Worten: Es ist eine passive Disziplin, nicht die Disziplin im Umgang mit der Realität. Eine disziplinierte Kultur hingegen, wie die puritanische, besitzt die Fähigkeit, hinauszugehen und etwas zu erreichen, weil sie die Selbstdisziplin besitzt, um Probleme zu bewältigen. Das ist der eigentliche Unterschied.

Man kann nicht vorankommen, es sei denn in eine andere Richtung. Man sieht: Es kann hochverfeinert und hochentwickelt sein. Mit anderen Worten: Die Gesellschaft der australischen Ureinwohner wählte eine enorme Weiterentwicklung in einer bestimmten Richtung. Was wir nicht als Fortschritt ansehen würden. Doch sie schreitet voran, sie bewegt sich in eine bestimmte Richtung. Hochverfeinert, hochentwickelt. Alles ist an Tradition gebunden, an Konvention gefesselt, und wird es immer mehr. Deshalb arbeiten sich viele dieser primitiven Gesellschaften letztlich in eine Sackgasse und bringen sich um. Weil sie so traditionsgebunden, so konventionsverhaftet, so verfeinert geworden sind, daß das Leben unausführbar wird. Es sind hochkomplexe Gesellschaften.

Es handelt sich um eine passive Disziplin. Mit anderen Worte: Manche Menschen ertragen fast alles, nur um nicht handeln zu müssen.

Sie passen sich endlos an, statt etwas zu verändern, um die Verhältnisse zu verbessern. Dies ist die Art von Disziplin, wenn man sie so nennen kann, die die primitive Gesellschaft ausbildet. Als Beispiel: Die Prärie-Indianer, die ich kannte — um ein Mann zu werden, mußte ein junger Indianer in früheren Zeiten den Sonnentanz tanzen. Das hieß, sie stellten sich vor einen Baum, der einem Ahorn glich, und von dessen schirmförmigen Ästen hingen Lederriemen herab; sie hoben die Muskeln auf ihrem Rücken an und schoben die Riemen darunter, dann mußten sie auf den Zehenspitzen tanzen, bis zu drei Tage lang, bei den Sioux, während sie von den Freuden des Mannseins sangen. Fielen sie um oder verloren sie das Bewußtsein, mußten sie im nächsten Jahr wiederkommen. Was dies züchtete, war eine bemerkenswerte Ausdauer. Eine bemerkenswerte Ausdauer. Eine Fähigkeit, Schmerz zu ertragen — man könnte fortfahren, es würde einem den Magen umdrehen, von den Schmerzen zu berichten, deren Zeuge man sein kann, die die Indianer zu ertragen vermochten. Körperlich bis zum Äußersten entwickelt. Die Schwachen starben.

Trotz ihrer hohen Intelligenz — Intelligenztests weisen den amerikanischen Indianern im Durchschnitt einen sehr hohen IQ nach — haben sie in der amerikanischen Gesellschaft eine untergeordnete Position inne. An der Spitze müßten sie stehen, gemessen an ihren kognitiven Fähigkeiten; stattdessen prägt sie eine ausgeprägte Passivität. Diese zeigt sich bereits im Unterricht: Indianerkinder zu einer mündlichen Äußerung zu bewegen, gehört zu den schwierigsten Aufgaben. Sie vermeiden das Vortragen um jeden Preis, nehmen lieber eine schlechte Note in Kauf, als zu sprechen, selbst wenn sie den Stoff vollständig beherrschen. Der Mangel an Disziplin züchtet diese Passivität heran.

Dabei ist die intellektuelle Leistungsfähigkeit vieler Stämme nicht zu unterschätzen. Die natürliche Auslese unter den harten Lebensbedingungen ließ die Schwächeren ausscheiden, doch gleichzeitig formte der Mangel an strukturierter Disziplin eine Haltung des Ertragens statt des Handelns. Die ältere Generation besaß noch eine gewisse Disziplin aus der Notwendigkeit des Überlebens; die jüngere Generation weist noch weniger davon auf.

Wo der christliche Glaube Fuß faßte, änderte sich diese Grundhaltung. Christen auf dem Reservat entwickelten eine andere Lebenseinstellung und Disziplin, die sie den dort tätigen Regierungsbeamten weit überlegen machte. Die grundlegende Begabung war vorhanden, doch die Passivität stellte ein schwer zu überwindendes Hindernis dar — ein Problem, das den Betroffenen selbst bewußt war.