Die Augen beider wurden geöffnet, und sie erkannten, daß sie nackt waren; und sie nähten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. Und sie hörten die Stimme Gottes, des HERRN, der im Garten wandelte bei der kühlen Tageszeit; und der Mensch und sein Weib verbargen sich vor dem Angesicht Gottes, des HERRN, zwischen den Bäumen des Gartens. Und Gott, der HERR, rief dem Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte deine Stimme im Garten, und ich fürchtete mich, weil ich nackt war; und ich verbarg mich. Und er sprach: Wer hat dir gesagt, daß du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem ich dir gebot, du sollst nicht davon essen? Und der Mensch sprach: Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß. Und Gott, der HERR, sprach zu dem Weib: Warum hast du das getan? Und das Weib sprach: Die Schlange betrog mich, und ich aß.
1. Mose 3,7–13
Als Gott den Adam mit seiner Sünde konfrontierte, bestand Adams unmittelbare Reaktion darin, Gott die Schuld zu geben. „Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß.“ Evas Reaktion war dieselbe. Beide verweigerten eindeutig die Annahme ihrer Schuld, und darüber hinaus empfanden beide es als Zumutung, auf die Probe gestellt zu werden. Der Garten Eden hatte von Anfang an die Prüfung im Vordergrund. Dem Menschen stand von Anbeginn die Möglichkeit offen, Gott zu gehorchen oder ihm zu widerstehen. Der Baum war stets als Prüfung vorhanden, als moralische Erprobung des Menschen. Doch das einzige Paradies, das der gefallene Mensch akzeptiert, ist eines ohne Probleme, eines, in dem keine Notwendigkeit für Entscheidungen besteht, eines ohne Prüfung. Die Haltung des Menschen lautet: Wie ungerecht von Gott, den Menschen auf die Probe zu stellen. Wie ungerecht von Gott, dem Menschen eine Wahl zu geben, die häßliche Folgen haben kann.
Daher stellt sich der Mensch, wann immer er eine Utopie, eine ideale Welt entwirft, diese als eine problemlose Welt vor, als eine Welt ohne jede moralische Prüfung. Durch die Jahrhunderte hindurch hat der Mensch sich eingebildet, er könne, wenn er nur hart genug arbeite, ein solches Paradies schaffen — eine Welt, in der jede Notwendigkeit zur Entscheidung beseitigt ist, in der es für den Menschen keine Prüfung und kein Scheitern geben kann. Bereits heute findet dieses Konzept Anwendung: zunehmend wird die Idee der Benotung und Prüfung in Frage gestellt, in unteren Stufen sogar aufgegeben; einzelne Hochschullehrer vergeben durchweg die beste Note, um ihre Verachtung für das Prinzip der Leistungsmessung zu demonstrieren — ein bequemer Weg, Beliebtheit zu erlangen.
Gott aber stimmt dem Menschen offenkundig nicht zu. Prüfung ist in das Universum hineingelegt, sie war in den Garten Eden hineingelegt. An jedem Punkt sieht sich jeder in diese Welt hineingeborene Mensch mit Prüfung konfrontiert. Er hat stets Entscheidungen zu treffen. Die Welt ist voll moralischer Entscheidungen, und es ist ein stetiger Kreislauf moralischer Verantwortlichkeiten. In der Tat läßt sich sagen, daß Prüfung und Verantwortung ebenso sehr zum Leben gehören wie die Luft, die wir atmen.
Der moderne Mensch haßt die Prüfung. Er haßt die Verantwortung. Ein Psychiater hat festgestellt, daß der moderne Elternteil – womit der moderne gottlose Elternteil gemeint ist – sich radikal schuldig fühlt wegen der Kinder. Warum? Weil er nun, mit der Familienplanung, jedes Kind als eine moralische Entscheidung empfindet. Und das behagt ihm nicht. Er hat ein Kind in die Welt gesetzt und sieht die Probleme, die Entscheidungen, die Verantwortlichkeiten des Lebens. Daher ist er schuldig, dieses Kind in eine so schreckliche Welt hineingebracht zu haben.
Daher sucht er an jedem Punkt, jenes Kind vor moralischer Prüfung, vor Entscheidungen zu bewahren. Indem er sich sagt: Du sollst nicht durchmachen müssen, was ich durchmachen mußte, wie furchtbar all die Entscheidungen, die ich treffen mußte. Mit anderen Worten: Die Elternschaft wird zu einer schuldhaften Last gemacht. Und als Folge fühlen sich zunehmend Eltern, die psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen, schuldig, weil sie Kinder ins Leben gerufen haben, und ihre Kinder geprüft werden. Das Alter psychiatrischer Patienten sinkt beständig; bereits junge Erwachsene machen einen großen Teil der Fälle aus. Junge Menschen, die sich der Prüfung stellen müssen, und die in Panik darauf reagieren.
Die Welt der Kausalität, der Folge, verfolgt den sündigen Menschen. Der Mensch als Sünder will ein Gott sein in einer Welt ohne Folge, ohne Schuld, Sünde, Krankheit, Leiden oder Tod. Er träumt davon, eine solche Welt für seine Kinder zu schaffen.
Ein Artikel in einer Zeitschrift schilderte eine Geschichte, die wahrscheinlich nicht wahr ist, schwer zu glauben, und doch in einem Sinne gewiß wahr, weil sie die moderne Haltung so treffend zusammenfaßt. Man erzählt die Geschichte von dem Cadillac, der vor dem Plaza Hotel vorfuhr. Der Chauffeur half der Mutter heraus, dann den sechsundzwanzig passenden Koffern. Im Fond des Wagens saß ein Junge im Rollstuhl. Als er eine spezielle Rampe hinab und in das Hotel hineingefahren wurde, murmelte der Manager einige diskrete Worte des Beileids an die Mutter. „Warum? Was fehlt ihm?“ fragte sie. „Daß Ihr Sohn nicht laufen kann“, sagte er. „Natürlich kann er laufen. Gott sei Dank, er muß nicht.“
Diese Geschichte hat mehr als nur einen leichten Anklang von Wahrheit, ob sie sich so ereignet hat oder nicht, denn sie entspricht so oft der Haltung der Eltern heute, wie fast jeder Lehrer bezeugen kann.
Die Autorin Jane O'Reilly führt in diesem Artikel zahlreiche Beispiele dieser Art an. Da ist eine Mutter, die sich so schuldig fühlte, Kinder in diese Welt gesetzt zu haben, in eine so grausame, grausame Welt, daß sie nach der Zubereitung eines Mahls für ihren Mann, das Abendessen, was immer er wollte, dann auf Bestellung für ihre drei jüngeren Kinder kochte, und dann lebte ihr neunzehnjähriger Sohn mit seiner Freundin, sie waren nicht verheiratet, oben in seinem Zimmer, und er verlangte eine spezielle vegetarische Diät, und sie bereitete auch dieses Mahl für sie zu. Schließlich mußte sie etwas für die armen Lieben tun, hatte sie sie doch in diese grausame Welt gesetzt. Und natürlich wird von allen Seiten der Versuch unternommen, unsere gesamte Gesellschaft und politische Ordnung in eine zu verwandeln, in der jede Prüfung verschwindet, in der keine Verantwortung mehr übrigbleibt. So führt man einen Krieg gegen die Armut, und man sagt nicht, daß Armut möglicherweise genau das ist, was diese Menschen sich selbst eingebrockt haben. Und einen Krieg gegen den Krieg, ohne darauf einzugehen, daß Krieg manchmal das kleinere von zwei Übeln sein mag. Und so weiter der Reihe nach. Man führt einen Krieg gegen alles, was auf Prüfung hinweisen könnte. Aber natürlich ist dies genau Satans Traum: eine Welt ohne Gott, eine Welt ohne Verantwortung, eine Welt ohne Schuld, weil es eine Welt ohne Prüfung ist. Kein Mensch sollte sich schuldig fühlen, weil er Gottes Prüfung nicht bestanden hat. Und doch ist es eine ironische Tatsache, daß auch diese Menschen feststellen müssen, daß Prüfung unausweichlich ist. Jane O'Reilly, die diesen Artikel schrieb, zeigt keine christliche Perspektive, und viele ihrer Schlußfolgerungen sind falsch. Und doch kann sie nicht entgehen, daß sie Menschen einer Prüfung unterzieht. Und sie selbst endet, trotz ihrer fehlerhaften Voraussetzungen, damit, eine Generation zu verurteilen, weil sie es versäumt hat, ihren Verantwortungen ins Auge zu sehen.
Eine Beobachterin schildert den Fall ihres Cousins, der in seinem viertausend Dollar teuren Wagen vorfuhr, unter furchtbarer Anspannung: ein völliger Versager, der nirgends zum Studium zugelassen worden war. Als sie vorschlug, er möge das Elternhaus verlassen und eine Arbeit suchen, entgegnete er, das gehe nicht – was werde aus dem Wagen und aus der Kreditkarte seiner Mutter? Der Preis der Selbständigkeit war zu hoch. Dann kam ein Moment der Erleuchtung. Sie bat ihn, beim Kartoffelschälen zu helfen. „Das kann ich nicht“, sagte er bestimmt, „ich weiß nicht wie.“ Diese Kinder können weder Kartoffeln schälen noch sich die Nase putzen noch die Schuhe binden. Doch das sind geringfügige Fertigkeiten, die sich schnell erlernen lassen; das einzige Problem besteht darin, aus dem Haus herauszukommen, wo sie frei sein werden zu lernen, weil daheim Vater und Mutter noch immer Kinder großziehen statt Erwachsene. Sie lassen das Badewasser ein, organisieren die Little-League-Spiele, fahren die Kinder zur Schule, bieten Optionen und sofortige Befriedigung, beseitigen Frustrationen, lassen ihre Kinder nie allein. In tausend kleinen Lähmungen beweisen sie, daß sie, die Eltern, gebraucht werden. Denn wer braucht die Eltern schon, abgesehen von ihren Kindern? Die kindzentrierte Gesellschaft, in der die Kinder das Leben ihrer Eltern definieren und rechtfertigen, besonders der Mütter: der gute Mensch ist eine gute Mutter. Ein schlechter Mensch ist ein Versager, dessen Kind davonläuft.
Doch unglücklicherweise hat sie keine Antwort, außer dem Rat, man solle sie davonlaufen lassen. Sie kann nicht entgehen der Tatsache, daß in dieser Welt die Schuld fortbesteht, was man auch tut. Und darin liegt genau das Problem der Menschen, die sie beschreibt. Man schafft die Prüfung ab, man schafft die Vorstellung ab, es gebe Sünde, man schafft, wie Freud tat, die Vorstellung ab, die Schuld habe irgendeine Realität – und sie besteht fort. Der Mensch fühlt sich schuldig, und der Mensch stellt sich selbst auf die Probe.
Dies kam vor einigen Jahren in einer Ansprache des Psychiaters Karl Menninger auf einer Tagung von Psychiatern sehr amüsant zum Ausdruck, auf der er dem Andenken Freuds die Ehre erwies, der nicht lange zuvor verstorben war. Freud hatte klargestellt, daß Schuld keine Realität besitze, sondern ein psychiatrisches Problem sei, das sich leicht beseitigen lasse. Und er sagt über Freud, ich zitiere: „Freud war unser Mose. Und wie die Kinder Israel fühlen wir uns schuldig im Zusammenhang mit seinem Tod. Ganz gleich, wie sehr wir ihn bewußt zurückweisen, und ungeachtet der Tatsache, daß uns keine Verantwortung dafür trifft.“ Zitatende.
Dies ist eine eigentümliche Aussage. Freud starb im hohen Alter an Krebs. Warum sollten Menninger und andere Psychiater auf dieser landesweiten Tagung sich wegen Freuds Tod schuldig fühlen? Der Schlüssel liegt natürlich im Groll gegen Freuds Vorrangstellung. Warum wurde gerade jener Mann zum Führer, zum Vater der Psychiatrie? „Ich bin ein viel besserer Mensch als er.“ Und er fährt fort, ich zitiere: „Unsere Neigung als Analytiker besteht darin, auf unsere Schuld mit Angriffen gegeneinander zu reagieren. Aus unserer eigenen Wissenschaft wissen wir, daß die Versöhnung oft das Verbrechen wiederholt. Jene, die sich unfähig fühlen, für ihr Schuldgefühl Versöhnung zu leisten, mögen getrieben sein, offene Angriffe auf irgendein Symbol des Führers zu verüben: auf sein Andenken, seine Theorie, seine Prinzipien oder andere Anhänger in Selbstrechtfertigung. Man erinnert sich des verzweifelten Ausrufs eines Mannes vor vierzig Jahren: Muß ich immer in Freuds Schatten stehen?“ Zitatende.
Menninger erkennt, obgleich er die vollen Konsequenzen nicht ziehen will, daß ohne wahre Versöhnung ein erneuter Angriff auf andere und vermehrte Schuld eintreten, wenn ein Mensch sich selbst prüft und seine Sünde erkennt und sich dann um so eher bereit fühlt, sich selbst zu verurteilen, und um so eher seine Sünden entweder auf einen anderen, sadistisch, oder auf sich selbst, masochistisch, abzuwälzen.
So fügte Menninger in bezug auf Freud hinzu: „Diese Dinge müssen wir alle ins Auge fassen. Unsere Haltung zu Freud sollte gewiß nicht religiöser Art sein. Abergläubische Religion beruht auf der Theorie, daß der Mensch von einem Gott nach dessen Ebenbild geschaffen wurde. Zu erkennen, daß der Mensch seinen Gott erschafft, ist das Ideal eines gütigen Vaters und mit den höchsten Bestrebungen menschlichen Denkens, ist ein Beispiel für den Geist einer zivilisierten, intelligenten Religion, nicht unvereinbar mit strenger wissenschaftlicher Disziplin. Dieser Geist sollte unsere Gefühle gegenüber Freud bestimmen. Freud war nicht unser Gott, er war unser Moses. Aber in seinem Tod verloren wir nicht unseren großen Anführer. Ganz gleich, wie viel mehr wir noch lernen mögen, Freud wird immer unser Anführer bleiben, so wie Galilei immer der Anführer der Astronomen und Newton der Physiker bleiben wird. Seine physische Gegenwart war nicht das Wichtige. Freuds Prinzipien, Freuds Integrität, Freuds Ehrlichkeit und vor allem Freuds Entdeckungen, diese sind noch bei uns, und sie werden immer bei uns sein. Es ist nicht nur unser Vorrecht, seinen Entdeckungen hinzuzufügen, sondern es ist unsere Pflicht.“
Menninger sagte auch, es sei notwendig, die Loyalität zueinander zu wahren. Daß sie als Psychiater ihre Schuldgefühle nicht dazu führen sollten, an Freud und aneinander zu zerren. Wenn dies nicht so wahnsinnig wäre, wäre es komisch. Es ist in einem sehr realen Sinne lächerlich. Es gibt keinen Gott, sagt er, daher gibt es keine Sünde, daher gibt es keine Schuld, aber nichtsdestoweniger fühlen wir uns schuldig, obwohl es dafür keine Realität gibt, und weil Freud so eminent ist, fühlen wir uns schuldig wegen seines Todes, weil wir wünschten, der Mann hätte nie gelebt. Damit wir die Entdecker hätten sein können. Daher fühlen wir uns wegen seines Todes schuldig, weil wir uns so fühlen, und wir grollen ihm und grollen einander, und wir zerren aneinander. Und Menninger hat darauf keine Antwort. Er fleht nur: Laßt uns einander treu bleiben.
Warum findet sich bei Menninger und anderen das Bestreben, Schuld auf ein Schuldgefühl zu reduzieren? Wo wirkliche Schuld vorliegt, steht sie in Zusammenhang mit der Realität. Wo ein Schuldgefühl besteht, steht es in Zusammenhang mit Phantasie. Wenn ich mich wegen Freuds Tod schuldig fühle, bewege ich mich im Bereich der Phantasie. Wenn ich mich schuldig fühle, weil ich einen Mann getötet habe, den ich tatsächlich ermordet habe, dann steht mein Schuldgefühl in Zusammenhang mit der Realität.
Warum geben sich diese Männer einem Schuldgefühl hin und gestehen ein Schuldgefühl ein, das eindeutig dem Bereich der Phantasie angehört? Handelt es sich um Phantasie, hat es also mit der Welt der Einbildung zu tun, und lassen sich Schuld und Sünde auf Einbildung reduzieren, so kann der Mensch das beseitigen, oder meint doch, es beseitigen zu können, was Teil seiner eigenen Schöpfung ist. Mit anderen Worten: Wenn ich es in meinem Geist erfunden habe, sei es heute oder als Teil meines Unbewussten in meiner urzeitlichen Vergangenheit, dann kann ich es beseitigen. Und wenn ich es bin, der die Vorstellung erschaffen hat, ich stehe ständig vor Gericht, andere Menschen richten über mich und irgendein Gott richtet über mich, dann kann ich diese Prüfung beseitigen, ich kann sagen: Nun, das ist alles nur meine Einbildung. So kann, wenn Schuld auf ein Schuldgefühl, auf meine Einbildung reduziert wird, meine Einbildung sie beseitigen.
Und wenn Gott ein Produkt meiner Einbildung ist und moralische Verantwortung und Prüfung Teil meiner Einbildung sind — man denke daran, daß Menninger sagte, es sei Aberglaube zu glauben, Gott habe den Menschen nach seinem Bilde geschaffen; vielmehr habe der Mensch Gott geschaffen, das sei reife Religion —, so ist Gott, da er ein Geschöpf des Menschen ist, von diesem in seiner Einbildung auszulöschen.
Als Adam sprach: „Das Weib, das du mir gabst, sie gab mir, und ich aß“, floh er aus der Wirklichkeit in seine Einbildung. Er lebte in einer Traumwelt. Er sagte damit: Diese Welt der Prüfung, die du geschaffen hast, Gott, gefällt mir nicht. Und ich behaupte, die Natur der Welt sei so beschaffen, daß ich, der ich in meinen eigenen Augen per Definition Gott und unschuldig bin, die Schuld an allem, was geschah, dir zuschreibe, weil du die Welt so gemacht hast — als eine Welt, in der ich geprüft werden konnte. Und du gabst das Weib, bei mir zu sein, und sie gab mir, und ich aß. Mit anderen Worten: Adam nahm die Welt um sich herum und ordnete sie gemäß seiner Einbildung neu. So wurde sie zur Traumwelt. Eine Welt, in der Gott schuldig war und Adam unschuldig. Er leugnete die Gültigkeit der Prüfung, daher gab es keine Schuld und keine Sünde. Doch die Welt unserer Einbildung ist nur die Welt unserer Einbildung. Die wirkliche Welt ist die, die Gott gemacht hat, der Schöpfer des Himmels und der Erde und alles, was darinnen ist. Je mehr der Mensch Freiheit von der Prüfung sucht, desto unausweichlicher lastet die Prüfung auf ihm. Bis das Gericht über ihn hereinbricht, wie über Belsazar und Babylon: Gewogen in der Waage und für zu leicht befunden. Kein Mensch kann der Prüfung entgehen. Der Sünder träumt von einer solchen Welt, doch die Schrift sagt uns, daß sie in der eitlen Einbildung ihres Herzens leben. Wir aber, durch Gottes Gnade sein Volk, sind berufen, beständig in der Wirklichkeit zu leben. Es ist eine gute Welt, Gott hat sie gemacht, seine Gnade umgibt uns, und wenn wir unseren Verantwortungen ins Auge sehen, gibt er uns Gnade und Kraft, ihnen zu begegnen.
Und wenn wir in ihnen versagen, ist er barmherzig gegen alle, die seine Vergebung suchen.
Der grundlegende Ansatz psychiatrischer Heilung im Umgang mit Schuld besteht darin, das Schuldgefühl wegzuerklären. Der Homosexuelle sei nicht schuldig, weil nichts verkehrt an ihm sei; er lerne, seinen Zustand zu akzeptieren. Mit anderen Worten: Die Akzeptanz dessen, was man ist, bildet die grundlegende Kur in der Psychiatrie. Da es keine Sünde gebe, sage man einfach: „Ich bin ein anderer Typ Mensch.“ Der Psychiatrie fehlt jeder Begriff von Gesundheit, weil ihr jeder Maßstab fehlt. Einen Maßstab zu haben, setzt ein sittliches Gesetz voraus und die Festlegung: Dies ist die Norm. Jede Abweichung davon stellt eine Sünde dar. Wird dies geleugnet, ist alles und jedes gesund. Folglich gilt die Akzeptanz des eigenen Zustands als Gesundheit.
Es gibt eine Reihe sogenannter christlicher Psychologen und Psychiater. Ich kenne sie nicht alle, aber jene, die veröffentlicht haben, sind im Grunde schizophren. Der Grund: Sie vertreten zweifellos evangelikale christliche Überzeugungen. Sobald sie jedoch in ihre Psychologie oder Psychiatrie eintreten, operieren sie weiterhin mit freudianischen Prämissen. Deshalb ist ihre grundlegende Position nicht christlich, sondern schlicht freudianisch. Die beiden Bereiche haben sie nie miteinander versöhnt. Nicht gesagt sei, daß eine solche Versöhnung unmöglich sei; doch ist sie mir bisher nicht begegnet. Die größte Annäherung stammte von einem Nichtchristen, O. Hobart Mowrer an der Universität Illinois, der darlegte: Geistige Krankheit sei keine Krankheit im eigentlichen Sinn; sie lasse sich nicht in dieselbe Kategorie einordnen wie körperliche Leiden. Sie sei im Kern ein Versagen, Verantwortung zu übernehmen. Insofern besitze der ältere christliche Sündenbegriff eine gewisse Gültigkeit; was man als geistige Krankheit bezeichne, habe an seiner Wurzel das, was Sünde genannt wurde. Dies ist Mowrers These. Er leugnet ebenfalls den gesamten Begriff der geistigen Krankheit. Mowrer betont jedoch, es gebe keine Sünde im christlichen Sinn — keine Verfehlung gegen Gott —, sondern nur eine Verfehlung gegen den Menschen. Er versucht daher, den Begriff der sittlichen Verfehlung gegen den Menschen einzuführen, um eine humanistische Grundlage dafür zu schaffen. Doch sobald man von einer Verantwortung gegenüber dem Menschen spricht, spricht man von einem sittlichen Maßstab, und genau hier bricht das Konzept zusammen. Wenn jeder Mensch sein eigener Gott ist, wenn jeder Mensch das Letzte darstellt, wie es der Humanismus lehrt, wie kann man zu einem sittlichen Maßstab gelangen, in dem alle übereinstimmen? Mowrer sagt zwar, es handle sich um Prüfung und ihr Scheitern, geht aber nicht darüber hinaus, weil er nichts formulieren will, das nach einem christlichen sittlichen Absoluten riecht. Er ist diesem feindlich gesinnt, wie Mowrer es ist. Deshalb scheitern sie.
Der Humanismus, der den Menschen zum Maßstab aller Dinge erhebt, schreibt das Böse notwendig der Umwelt zu. Da der Mensch an sich gut sei, müsse das Übel von außen kommen — aus der Gesellschaft, den Strukturen, den Umständen. Diese Prämisse untergräbt das Gesetz: Verantwortung wird vom Täter auf die Verhältnisse verschoben, und die Rechtsordnung löst sich in eine wachsende Krise auf.
Ein aktuelles Gerichtsurteil veranschaulicht die logische Konsequenz dieses Denkens. Ein Gericht des Staates New York sprach einem Mann 33.000 Dollar zu, dessen Frau von dem Fahrer eines gestohlenen Autos getötet worden war. Zahlt der Dieb? Nein. Der Eigentümer des Wagens mußte haften, weil er den Schlüssel im Fahrzeug hatte stecken lassen. Der Dieb — ein jugendlicher Rasender — hatte ausgesagt, der Besitzer habe durch seine Nachlässigkeit den Diebstahl erst ermöglicht; das Gericht folgte dieser Argumentation. Da viele Bundesstaaten der Rechtsprechung New Yorks folgen, droht sorglosen Autobesitzern eine erhebliche Haftungsausweitung. Gestohlene Fahrzeuge sind in zweihundertfacher Häufigkeit in Unfälle verwickelt wie andere Wagen und fordern Tausende Todesopfer und Zehntausende Verletzte.
Dieses Urteil ist die konsequente Fortführung des Umweltprinzips: Die Kapitalisten sind schuld, die Kriegstreiber sind schuld, die „Schweine“ sind schuld, die weißen Rassisten sind schuld — und der Bestohlene trägt die Verantwortung für die Tat des Diebes. Mit anderen Worten: Laßt den Schlüssel nicht im Auto stecken.
Derartige Entscheidungen werden sich in Zukunft häufen.
Die „Battle Hymn of the Republic“ stammt von Julia Ward Howe. Der Text entstand vor dem Hintergrund der Beecher-Familie, deren Wurzeln im puritanisch-calvinistischen Milieu lagen, die in ihrer Generation jedoch — exemplarisch an Henry Ward Beecher — zum Unitarismus überging. Das Gedicht, das zur Melodie von „John Brown’s Body“ vertont wurde und zum wichtigsten Nordstaatenlied des Bürgerkriegs avancierte, trägt noch die Sprache der alten puritanischen Überzeugung, Amerika solle zu einem neuen Zion, einem neuen Israel Gottes geformt werden, das Ihm in allem diene und Ihn verherrliche. Zugleich finden sich in der Dichtung bereits Züge einer rein unitarisch-statistischen Gesinnung. So verbindet der Text beide Strömungen zu einer eigentümlichen Mischung, die sich sowohl im Sinne der älteren puritanischen Terminologie als auch im Sinne einer vergöttlichten Staatsidee lesen läßt.
[Kein übersetzbarer Inhalt: Der Text besteht ausschließlich aus Ankündigungen und einer Zusammenfassung eines zeitgebundenen Zeitschriftenartikels aus dem Jahr 1971, die gemäß den Regeln vollständig zu tilgen sind.]
In vielerlei Hinsicht ist es in der Tat weitaus schwieriger, etwas gegen die Umweltverschmutzung in nichtkapitalistischen Gesellschaften zu unternehmen. In der Sowjetunion gibt es für die Öffentlichkeit keine Möglichkeit, Empörung zu äußern oder Druck auszuüben, und die Umweltverschmutzer wie die Gerichte dort arbeiten für dieselben Leute, die oft entscheiden, daß saubere Luft und Wasser, wie gute Kleidung, auf ihrer Liste sozialer Prioritäten weit unten stehen. Tatsächlich scheint es wahrscheinlich, daß Wohlstand, Technologie und eine langsame, aber wirksame Demokratie sich als Heilmittel erweisen werden, mehr als als Ursachen der Umweltverschmutzung. Schließlich kann nur eine wohlhabende technologische Gesellschaft sich solche Luxusgüter leisten wie Mondreisen, dreitägige Wochenenden und sauberes Wasser. Zwar mag selbst unsere Gesellschaft nicht in der Lage sein, sich all dies zu leisten. Nur in einer Demokratie kann ein Volk hoffen, einen wirklichen Einfluß auf die Wahl zwischen solchen Alternativen zu nehmen.“ Und dann fährt er fort, die Lage zu dokumentieren und präzise darzulegen, was getan werden kann und was getan wird, und sie vom Standpunkt des gesunden Menschenverstands und einer soliden Ökonomie zu betrachten. Heute ist es alltäglich geworden, die Vergangenheit zu verklären. Doch Umweltverschmutzung gab es auch in der Vergangenheit. Es ist alltäglich, die Indianer zu verklären, und eine aktuelle Gesundheitszeitschrift widmet sich ausführlich all den bemerkenswerten Drogen und natürlichen Heilmitteln, die die Indianer besitzen. Dazu wurde eine medizinische Studie durchgeführt, die selbstverständlich sehr wahr und sehr interessant ist. Doch der Trugschluß liegt darin: All die bemerkenswerten natürlichen Drogen, die angeführt werden, sind in der Tat sehr wahr, und heute macht die moderne Wissenschaft guten Gebrauch von ihnen. Aber den Fehler, den die Autoren dieser Bücher begehen, ist dieser: Sie gehen zurück und finden, sagen wir, daß der Peyote-Stamm ein bestimmtes Heilmittel besaß, das von den Medizinmännern verwendet wurde und sehr wirksam war. Wahr. Die Shoshonen hatten ein anderes, die Navajo ein weiteres. Wenn man sie alle zusammenfaßt, ergibt das ein sehr beeindruckendes Buch. Doch was man begreifen muß, ist, daß all diese Dinge nicht von allen Stämmen geteilt wurden.
Wenn man in die Vergangenheit zurückblickt und feststellt, daß ein bestimmter Stamm unter seinen Medizinmännern jedes Wissen als streng gehütetes Geheimnis bewahrte, das nur in der eigenen Linie weitergegeben und niemals mit anderen Medizinmännern geteilt wurde — nicht einmal innerhalb des eigenen Stammes —, so erkennt man, wie wenig jeder Einzelne tatsächlich besaß. Und wie der größte Teil ihrer Medizin in der Tat äußerst primitiv war. Mit anderen Worten: Es ist sehr aufschlußreich, wenn man beispielsweise ins England des achtzehnten Jahrhunderts zurückkehrt und auf all die großen Kunstwerke verweist, die entstanden sind, und auf all die schönen Gebäude. Das stimmt. Aber was ist mit all der Kunst, die Schund war und nicht überdauert hat? Und all den Hütten, die man errichtete und die längst abgerissen und verschwunden sind? Mit anderen Worten: Was wir aus der Vergangenheit geerbt haben, ist das Gute. Und wir sehen nicht die ganze Wahrheit, sagen wir, über einen bestimmten Indianerstamm.
Was die Umweltverschmutzung in jenen Tagen betrifft: Natürlich gab es, solange es höchstens dreihunderttausend Indianer auf dem gesamten nordamerikanischen Kontinent gab, nicht viel Verschmutzung. Doch das bedeutet nicht, daß sie einen richtigen Umgang mit der Natur pflegten. Wenn es sich um landwirtschaftlich tätige Stämme handelte, bebauten sie ein Gebiet, bis der Boden ausgelaugt war, verließen es dann einfach und zogen an einen anderen Ort, rodeten dort und nutzten jenen Boden — genau das, was in Afrika bis heute geschieht. Man arbeitete den Boden zu Tode und zog dann weiter. Und da es nicht viele von ihnen auf dem Kontinent gab, fiel es nicht ins Gewicht. Hinzu kam, daß sie, da sie in jenen Tagen keine Pferde besaßen, die einfachste Jagdmethode darin bestand, daß jemand in einem Gebiet ein Feuer legte und sich in den Wind stellte, der das Wild in ihre Richtung trieb. Wenn dabei viele Bäume abbrannten, kümmerte das nicht. Dies war einer der Gründe, warum die Prärien wuchsen, als der Weiße kam. Durch ihre Brandrodungsstrategie brannten sie den Wald an beiden Enden der Prärie immer weiter zurück. Das ist Verschmutzung, das ist Zerstörung. Nur gab es nicht so viele von ihnen, um zu zerstören. Deshalb müssen wir — dies steht nicht in diesem Artikel, hier ist noch viel mehr Wertvolles in einem anderen Bereich enthalten — aber wir sollten nicht über das Ziel hinausschießen bei einigen dieser Ideen, die verbreitet werden, und die ohne jedes Maß und jeden gesunden Menschenverstand vorgebracht werden.