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Martin Bucer Seminar

Rushdoony, «Human Nature» · Lektion 22 · Dritter Stand · Episode 4

Was ist der Mensch? Zweiter Teil

Psalm 8:
HERR, unser Herr, wie herrlich ist dein Name in allen Landen! Du hast deine Hoheit über den Himmel gehoben. Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du Macht gegründet um deiner Feinde willen, daß du den Feind und den Rachgierigen zum Schweigen bringst. Wenn ich den Himmel ansehe, das Werk deiner Finger, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: Was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, daß du dich seiner annimmst? Denn du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott und mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt. Du hast ihn gesetzt über die Werke deiner Hände; du hast alles unter seine Füße getan: alle Schafe und Rinder, dazu auch die Tiere auf dem Feld, die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer, alles, was die Meere durchzieht. HERR, unser Herr, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!

Dieser Psalm ist von besonderem Interesse, weil er sowohl die Frage aufwirft, was der Mensch ist, als auch beantwortet. Zudem besitzt dieser Psalm eine umfangreiche Geschichte in der Schrift. Er wird immer wieder zitiert. Und diese Zitate helfen uns, die Bedeutung zu verstehen. Denn von der Zeit seiner Abfassung an hatte er offenkundig einen messianischen Bezug. Einen Bezug auf Christus. Das Lied beginnt und endet mit einer Verkündigung der Größe von Gottes Namen. Demgegenüber ist der Psalmist sich der Tatsache bewußt, daß der Mensch ein Sünder ist, daß der Zustand des Menschen ein sehr niedriger ist. Tatsächlich staunt der Psalmist darüber, daß Gott seiner gedenkt. Nicht nur dessen gedenkt, sondern dem Menschen so große Bestimmung zuteilwerden läßt. Du machtest ihn, daß er Herrschaft habe über die Werke deiner Hände.

Du hast alles unter seine Füße gelegt. Angesichts dessen blickt der Psalmist auf die gesamte Schöpfung und erkennt darin nicht nur die offenbare Herrlichkeit Gottes, sondern auch die Erfüllung Seiner Vorsätze. So steht das Geschick des Menschen fest. Selbst aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge wird die Weisheit und der Vorsatz Gottes erfüllt. Nicht weil Unmündige und Säuglinge, kleine Kinder, irgendeine eigene Kraft oder Fähigkeit besäßen, sondern weil Gott Kraft verordnet hat um Seiner Feinde willen, um den Feind und den Rächer zum Schweigen zu bringen.

Der Psalm ist messianisch. Die Schrift selbst bezeugt dies. Von Anfang an wurde im alten Israel erkannt, daß er sich auf den Messias bezieht. Unser Herr zitierte diesen Psalm, den zweiten Vers, in Matthäus 21,16. Die Kinder im Tempel riefen aus, als Er einzog: „Hosianna dem Sohne Davids!“ Hosianna bedeutet: „Hilf, ich bitte dich.“ Sie huldigten Ihm als dem Heiland. Als die Priester und Schriftgelehrten über den Ruf der Kinder mißfielen und forderten, Er solle sie zurechtweisen, sprachen sie zu Ihm: „Hörst du, was diese sagen?“ Und Jesus sprach zu ihnen: „Ja; habt ihr nie gelesen: Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du Lob bereitet?“ Der Psalm ist an diesem Punkt erfüllt: Ihr, die ihr mich als den Messias nicht anerkennen wollt, müßt doch erleben, daß sogar Unmündige und Säuglinge aufschreien und mich als den Heiland begrüßen.

Dann wird der sechste Vers vom Apostel Paulus in 1. Korinther 15,25–27 angeführt. Im 24. Vers sagt Paulus, daß Christus alle Herrschaft, alle Gewalt und alle Macht niederwerfen wird. Und dann fährt er fort:

1. Korinther 15,25–27 Denn er muß herrschen, bis er alle Feinde unter seine Füße gelegt hat. Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. Denn „er hat alles unter seine Füße gelegt.“

Wenn er aber sagt: „Alles ist ihm untertan“, so ist offenkundig, daß der ausgenommen ist, der ihm alles untertan gemacht hat. Mit anderen Worten: Der Apostel Paulus erklärt, daß dieses gewaltige Schicksal des Menschen auf die Person Christi und alle, die seine Glieder sind, konzentriert ist. So ist alles den Füßen Christi und denen, die Christus angehören, untertan. Alles bedeutet alle Herrschaft, alle Gewalt und alle Macht. Nicht nur feindliche Macht und Regierung, sondern alle Macht. Christus wird als der universelle König offenbart, und jede Macht muß sich vor ihm beugen und ihm untertan sein. Doch damit nicht genug. Ein weiteres Zitat desselben Psalms findet sich in Epheser 1,19–23. Der Apostel Paulus betet in diesem Abschnitt, daß die Gläubigen den Reichtum Gottes an ihnen wahrhaft erkennen mögen, und fährt fort:

Epheser 1,19–23
Und wie überschwenglich groß seine Kraft an uns ist, die wir glauben, nach der Wirkung seiner starken Kraft, die er in Christus gewirkt hat, als er ihn auferweckte von den Toten und setzte ihn zu seiner Rechten in der himmlischen Welt, hoch über alle Fürstentümer, Gewalten, Mächte, Herrschaften und jeden Namen, der genannt wird, nicht nur in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen: Und hat ihm alles unter die Füße getan und hat ihn zum Haupt über alles der Gemeinde gegeben, welche sein Leib ist, die Fülle des, der alles in allem erfüllt.

Mit anderen Worten: Der Apostel Paulus sagt, Gott ist reich an uns durch die Auferstehung, weil die Auferstehung Jesu Christi tatsächlich die leibliche Auferstehung des gekreuzigten Leibes Jesu Christi war und ein Pfand unserer eigenen leiblichen Auferstehung. Doch sie war noch mehr. Sie war ein geistlicher Akt, die Erhöhung der Menschheit Christi und unserer eigenen Menschheit. Wenn wir Glieder Jesu Christi sind, gelangen wir von der Gebrechlichkeit der Sünde zur Herrlichkeit des Sieges Christi, vom Fluch zum Triumph.

Der Apostel Paulus führt dieses Thema in Hebräer 2,5–9 fort, wo er diesen Psalm erneut zitiert. Hier gelangen wir zum Höhepunkt der biblischen Eigenauslegung des Psalms. Der Apostel Paulus erklärt:

Hebräer 2,5–9
Denn nicht Engeln hat er die zukünftige Welt untertan gemacht, von der wir reden. Sondern einer hat an einer Stelle bezeugt und gesagt: Was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, daß du dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als die Engel, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt und hast ihn gesetzt über die Werke deiner Hände; du hast alles unter seine Füße getan. Denn indem er ihm alles untertan gemacht hat, hat er nichts ausgenommen, was ihm nicht untertan wäre. Jetzt aber sehen wir noch nicht, daß ihm alles untertan ist; aber wir sehen Jesus, der wenig niedriger gemacht war als die Engel, um des Todes willen, mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt, auf daß er durch Gottes Gnade für jedermann den Tod schmecke.

Dies ist ein überaus bedeutender Abschnitt. Er bezeugt den Sieg, der Christus gehört, und uns in Christus, in der zukünftigen Welt. Mit diesem Ausdruck bezieht sich der Apostel sowohl auf die Welt nach unserer Wiedergeburt als auch auf die Welt, die nach der Wiederkunft Christi anbricht. Es handelt sich also um einen fortschreitenden Vorgang: um ein Ereignis und um die Welt jenseits dieses Ereignisses.

Vor einem Jahrhundert erklärte Dean Alfred, einer der großen englischen Kommentatoren, zu Hebräer 2,5–9 und Psalm 8 — ich zitiere: „Der allgemeine Sinn des 8. Psalms läßt sich dahin beschreiben, daß er Jehova preist für seine Herrlichkeit und Majestät und sein barmherziges Walten bei der Erhöhung des Menschen. Jede Auslegung, die diesen allgemeinen Sinn aus den Augen verliert und versucht, den Psalm in eine direkte und ausschließliche Weissagung auf den persönlichen Messias zu zwingen, verbirgt seinen wahren prophetischen Sinn und verdunkelt die Kraft und Schönheit seiner Beziehung auf ihn.“

Um kurz innezuhalten: Was Dean Alfred sagte, war dies: Wenn dieser Psalm ausschließlich auf Christus bezogen wird, geht die Bedeutung verloren. Er bezieht sich auf Christus zwar, aber auf uns in Christus. Dean Alfred fährt fort: „Es ist der Mensch, von dem im Psalm die Rede ist — im gewöhnlichsten und allgemeinsten Sinn. Die Sorge, die Gott für ihn trägt, die Herrschaft, die ihm verliehen wird. Die Unterwerfung der Werke Gottes unter ihn. Diese hohe Würde hat er verloren, aber er hat sie wiedererlangt und besitzt sie potentiell in all ihrer Fülle und Herrlichkeit. Ihm für immer wiederhergestellt und verbürgt. Wie und durch wen? Durch einen seines eigenen Geschlechts, den Menschen Christus Jesus. Was immer Hohe und Herrliches vom Menschen gesagt werden kann, gebührt von eigenem Recht nur ihm, der eigentlichen Person, nur ihm; uns aber, seinen Brüdern und Gliedern, abgeleitet. Und dies ist der große Schlüssel zur Auslegung aller solcher Aussprüche. Was dem Menschen kraft der Verfassung seiner Natur zusteht, gebührt in höchstem Maße jenem Menschen, der das constituierte Haupt der menschlichen Natur ist, dem zweiten Adam. Der mehr als alles wiedergewonnen hat, was der erste Adam verlor. Für die, welche diese fundamentale Lehre des Christentums klar erfassen und festhalten, wird die Auslegung alttestamentlicher Weissagung in der neutestamentlichen Anwendung alttestamentlicher Worte auf Christus zu einer weit einfacheren Angelegenheit, als sie es je für andere sein kann. Und so ist es dem Menschen, nicht den Engeln, daß die zukünftige Welt unterworfen wird. Dies ist das Argument, und soweit bis zum Ende von Vers 8 wird es mit Bezug auf den Menschen, proprii nominis, geführt. Es liegt hier noch keine persönliche Beziehung auf unseren Herrn vor, der erst eingeführt wird — und das in seiner niedrigeren persönlichen menschlichen Natur — in Vers 9. Dies ist übersehen worden, und so ist Verwirrung in das Argument gebracht worden von der Mehrzahl der Kommentatoren.“ Zitatende.

Dies ist eine sehr wichtige Analyse von Dean Alfred. Er macht deutlich, daß alles, was der erste Adam verlor, der zweite Adam mehr als wiedergewonnen hat. Dies ist die Bedeutung des Psalms. Versteht man dies, so sind die Folgerungen gewaltig. Der Psalm erklärt daher, daß keine Herrlichkeit, die der Garten Eden besaß, ausreichen würde, um das zu beschreiben, was der Mensch durch Jesus Christus in Zeit und Ewigkeit verwirklichen wird. Der Mensch wird nun durch die heiligende Kraft Jesu Christi schrittweise in Herrschaft, Gerechtigkeit, Heiligkeit und Erkenntnis geführt. Alle Dinge werden dem Menschen zu Füßen gelegt, wenn der Mensch in Christus ist. Und der Höhepunkt dieser Unterwerfung wird kommen, wenn, wie der heilige Paulus sagt, der Tod, der letzte Feind, selbst vernichtet wird. Beachten Sie, daß der heilige Paulus ihn als den letzten Feind bezeichnet, was impliziert, daß vor jener Wiederkunft die anderen Feinde schrittweise der Unterwerfung des Menschen in Christus unterworfen worden sein werden. Daher schließt der Psalmist:

Psalm 8,10 Herr, unser Gott, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!

Er wird überall verherrlicht durch die Gnade Gottes an dem Menschen, die zur Herrschaft des Menschen führt. Dieser Psalm gibt uns somit eine Antwort auf die Frage: Was ist der Mensch? Der Mensch wird definiert, nicht in Bezug auf sich selbst, sondern in Bezug auf Christus, durch den alle Dinge dem Menschen zu Füßen gelegt werden. Nun ist jede Definition ein Zaun, eine Grenze. Wenn man etwas definiert, grenzt man es ab. Dies ist buchstäblich das, was eine Definition oder eine Grenze ist: ein Zaun. Den Menschen in Bezug auf Jesus Christus zu definieren, bedeutet, daß jeder gottlose Mensch ein entstellter Mensch ist.

Der Zaun ist niedergerissen. Was streng umzäunt sein sollte, ist nicht mehr gehörig eingefriedet. Daher ist es entstellt. Die Gottlosen führen Krieg gegen die eigentliche und wahre Definition ihrer selbst. Sie suchen, sich existenziell zu definieren — das heißt: ausschließlich aus sich selbst. Wenn der Mensch sein eigener Gott, sein eigener Schöpfer ist, dann ist der Mensch sein eigenes Definitionsprinzip. Ist der Mensch hingegen eine Kreatur Gottes, so kann er nur von Gott und in Bezug auf Gottes Zweck definiert werden. Darum stellt Gott in Psalm 8 die Frage und definiert als Schöpfer und Erlöser den Menschen selbst.

Gottes Definition ist keine Abstraktion. Was Gott definiert, das hat Er geschaffen, und das schafft Er neu. Der Geschichtsprozeß ist Gottes Fortschritt in der Definition. Zeitalter um Zeitalter, je mehr sich die Geschichte entfaltet, desto deutlicher erkennen wir die Natur der Sünde, indem der Mensch seine Sünde ausagiert und sich um so mehr als Widerspruch erweist, wenn er Gott leugnet.

Sprichwörter 8,36 Alle, die mich hassen, lieben den Tod. Wer an mir sündigt, tut seiner eigenen Seele Unrecht.

Wir sehen auch, je mehr die Gnade Gottes an Seinem Volk offenbar wird, die Definition des Menschen in Bezug auf Jesus Christus immer klarer und vollständiger hervortreten. Zudem setzt mit fortschreitender Geschichte epistemologisches Selbstbewußtsein ein. Das heißt: Das Unkraut wird deutlicher als Unkraut erkennbar, der Weizen deutlicher als Weizen. Jede Seite definiert sich selbst, indem sie sich gemäß ihren Voraussetzungen entfaltet: die Gottlosen in Bezug auf ihren Glauben, die Gottseligen in Bezug auf Christus.

Es ist wesentlich zu erkennen, daß es letztlich, wie Dr. Warfield vor ein paar Generationen sagte, nur zwei Religionen gibt: die Religion des Menschen oder der Menschheit und die Religion unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus. Dies ist ein überaus religiöses Zeitalter. Es ist nicht christlich. Es ist humanistisch. Aber es ist intensiv religiös.

Und er glaubt auch auf seine Weise an die Notwendigkeit der Wiedergeburt. Als Beispiel: Einer der Denker, wenn man ihn so nennen kann, der in den vergangenen zwanzig Jahren am einflussreichsten war, ist Henry Miller, der Autor von „Wendekreis des Krebses“, „Wendekreis des Steinbocks“ und vieler ähnlicher Bücher. Mehr als einmal bemerkt er, in beiläufiger Weise, die nur wenige bemerken, daß man ihn wohl als einen sehr religiösen Menschen betrachten könne. Er ist das auch. Tatsächlich hat er sehr früh in seiner Karriere, vor über zwanzig, vor über dreißig Jahren, in einem seiner frühesten Bücher das Heilsprogramm entworfen. Er begann damit, in den Worten der Schrift zu erklären:

Johannes 1,1 Im Anfang war das Wort.

Das war der erste Punkt in Henry Millers religiöser Aussage. Im Anfang war das Wort. Aber für ihn ist das Wort der Mensch. Unverkennbar, klar: der Mensch. Nun, wenn er diese Aussage trifft, fährt er fort, nachdrücklich zu sagen, daß der Mensch sein eigenes Wort leugnet, wenn er sich vor Gut und Böse beugt. Das einzige Übel ist die Furcht, Unrecht zu tun. Zudem hat er eine Vision des Heils. Er nennt sie so. Und er fährt fort zu sagen, und ich zitiere: „Es ist unser Traumleben, das den Schlüssel zu den Möglichkeiten birgt, die für uns bereitliegen. Im Traum ist es der ganze Mensch, eins mit der Erde, eins mit den Sternen, der zum Leben erwacht. Der durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit gleicher Freiheit streift. Für ihn gibt es keine Tabus, keine Gesetze, keine Konventionen. Seinen Weg verfolgend, wird er nicht behindert durch Zeit, Raum, physische Hindernisse oder moralische Bedenken. Er schläft mit seiner Mutter so natürlich wie mit einer anderen. Wenn es mit einem Tier des Feldes ist, stillt er sein Verlangen, er empfindet keine Abscheu. Er kann seine eigene Tochter mit gleicher Freude und Befriedigung nehmen. In der wachen Welt, gefesselt, verkrüppelt, gelähmt durch jede Art von Furcht, an jedem Schritt bedroht durch reale oder eingebildete Strafen. Fast jedes Verlangen, das wir auszudrücken suchen, wird als falsch oder böse hingestellt.“ Zitatende.

Miller bemerkt, daß der Mensch im Traum nicht vom Gewissen beunruhigt werde. Das trifft nicht zu. Doch im Traum ist der Mensch nicht an Zeit und Raum gebunden; er kann in der Zukunft leben und in der Vergangenheit, er kann tun, was ihm beliebt. Genau diese Welt gilt es zu schaffen. Am Anfang war das Wort, und das Wort, so Miller, war der Mensch. Der Mensch muß daher Gottes Definition des Menschen vernichten und sich als Mensch neu erschaffen. Zuerst muß er sterben. Der Mensch, wie er ist, müsse vernichtet werden, um Platz zu machen für die eigene Neuschöpfung des Menschen durch den Menschen. Und er fährt fort — ich zitiere (geschrieben vor dem Zweiten Weltkrieg): „Nicht länger wird Geschichte gemacht. Der gegenwärtige Brand wird wüten, bis die alte Ordnung des Menschen liquidiert ist. Es ist gleichgültig, ob der jetzige Krieg — er begann gerade in Europa, in seinen allerersten Anfängen, wir waren nicht beteiligt — heiß oder kalt, morgen oder in fünfzig Jahren endet. Es werden weitere Kriege kommen, jeder schrecklicher als der vorherige, bis das ganze morsche Gebäude vollständig demoliert ist. Bis wir, homo sapiens, nicht mehr sind. All des Menschen Übel“, so fährt Miller fort, „rühren von der Idee Gottes und eines absoluten Guten und Bösen her. Und der Mensch wird sich selbst zerstören, bis er stirbt zu allem, was er ist, und wiedergeboren wird in Kraft seines eigenen rettenden Wortes. Und irgendwie, mit Hilfe der Wissenschaft, so leben kann, wie er im Traum lebt. Ohne Moral, ohne Zeit und Raum und alles andere, was ihn hemmt.“ Das klingt nach Wahnsinn, und gewiß ist es das. Doch es ist ein Heilsplan, und es ist der Heilsplan und die Wiedergeburt des Menschen, die unser Zeitalter bestimmen.

Er bestimmt unsere studentischen Revolutionäre. Er wirkt auf unsere Politik. Die Gottlosen, von Karl Marx bis zur Gegenwart, träumen davon, die Geschichte zu beenden. Gut und Böse zu beenden. Alle Bande von Zeit und Raum aufzulösen, die den Menschen binden. In einer berühmten Passage erklärte Karl Marx, in der Utopie des Kommunismus werde ein Mensch morgens aufstehen können und, wenn er beschließe, wie der größte Virtuose Violine zu spielen, so tun; wenn er Lust habe zu malen, große Bilder malen; wenn er Lust habe, hinauszugehen und Hirte zu sein, so tun. Frei von Gott, könne der Mensch nun alles tun, was ihm gefalle, genau in dem Moment, da er es beschließe. Es bedürfe keiner Übung, ein großer Musiker zu sein; der Mensch sei nun frei von allem, was ihn binde. Das ist der Traum der Gottlosen. Es ist ein Traum von Heil, von Tod und Wiedergeburt.

Es stehen sich zwei Religionen gegenüber, zwei Heilswege, auf denen der Mensch Erlösung finden kann. Der eine besagt, der Mensch bedürfe der Errettung vor Gott; der andere, der Mensch bedürfe der Errettung von der Sünde durch die Gnade Gottes in Jesus Christus. Beide lehren, daß Tod und Wiedergeburt notwendig seien; doch der eine will sie vom Menschen her bewirkt wissen, der andere von Gott. Wir leben somit in einem Zeitalter, dessen Konflikt im Kern religiöser Natur ist, das auf einen Glaubenskrieg zwischen zwei rivalisierenden Religionen zusteuert. Die eine sucht die Geschichte zu beenden, indem sie den Menschen zu seinem eigenen Gott macht; die andere will der Geschichte Richtung und Sinn geben durch die rettende Kraft Jesu Christi. Die Frage, die der Welt heute gestellt ist, lautet tatsächlich: Der Mensch muß von neuem geboren werden. Doch durch wen? Durch den Menschen, durch eine Elite von Planern, die den Menschen töten und neu formen? Oder durch die Gnade Gottes in Jesus Christus.

Die Zukunft wird durch die Antwort entschieden, die die Menschen auf diese Frage geben.

Offenbarung 2,24 Euch aber sage ich, den Übrigen in Thyatira, allen, die diese Lehre nicht haben und die Tiefen des Satans nicht erkannt haben, wie sie sagen: Ich lege euch keine andere Last auf.

Was bedeutet das? Es gab Menschen, die ihre Zeit damit verbrachten, die satanischen Verschwörungen ihrer Zeit zu analysieren: die Tiefen des Satans, oder die verborgenen Verschwörungen des Satans. Man kann den Ausdruck mit „die Tiefen des Satans“ wiedergeben. So sind es denn jene, die sich weigern, sich damit abzugeben, die dem Herrn angehören und gesegnet werden. Mit anderen Worten: Das Böse wird nie dadurch bekämpft, daß man sich auf das Böse konzentriert und es endlos studiert. Wer war es, der die Macht Roms und die Verschwörungen der Zeit stürzte? Jene, die auszogen, die rettende Kraft Jesu Christi zu verkünden. Und jene, die ihre Zeit damit verbrachten, die Tiefen, die Verschwörungen des Satans zu studieren, wurden vom Herrn beiseitegeschoben.

Was war Gegenstand jener anderen Zusammenkunft? Sechs Stunden wurden an jenem einen Tag allein darauf verwendet, den Kern der Verschwörung zu analysieren. Als die Sitzung endete — sie wurde angeblich von einem Christen geleitet, und die Anwesenden waren angeblich Christen —, verließen die Teilnehmer den Raum vor Angst krank. Einige waren so aufgewühlt, daß sie ihr Abendessen nicht einnehmen konnten. Ein Anwesender lachte und nannte es den größten Witz: ein christliches Unternehmen, das Menschen zu Tode erschrecke. Was geschah dort? Man lehrte die Macht des Satans, nicht die Macht Gottes zur Rettung. Es war nicht christlich; es war satanisch.

Bei unserer Versammlung hingegen war ein Vertreter der öffentlichen Schulen anwesend, und er war begeistert. Er erklärte, er habe bei keiner Lehrerversammlung, der er je beigewohnt habe, eine vergleichbare Erregung und Begeisterung erlebt wie hier. Er bat, über die nächste Zusammenkunft informiert zu werden.

Wo lag der Unterschied? In der einen Versammlung wurde die Macht Gottes dargeboten, und in nahezu jedem Anwesenden offenbarte sich die Macht Gottes — trotz aller Probleme und Schwierigkeiten —, indem jungen Männern und Frauen eine christliche Bildung zuteilwurde. In der anderen Versammlung hingegen wurden Christen belehrt, wie allmächtig der Satan sei.

Hier liegt der entscheidende Punkt. Es ist weder wahrer Konservatismus noch wahres Christentum, endlose Zeit darauf zu verwenden — oder es als Christentum auszugeben —, die Allmacht des Bösen zu beweisen. Die elf Jünger, nach der Berufung eines Nachfolgers für Judas zwölf an der Zahl, zogen aus und stürzten das Römische Reich. Zwar kostete es viel Martyrium, bis dies vollbracht war, doch sie taten es. Jene aber in Thyatira, die die verborgenen Tiefen des Satans oder die verborgenen Verschwörungen des Satans erforschten, waren für den Herrn ohne Nutzen. Und Er hat Seine Meinung seit jenen Tagen nicht geändert.

Was als schöpferische Arbeit, oder richtiger: als Kunst bezeichnet wird, läßt sich mit dem Prädikat „schöpferisch“ nicht treffend erfassen. Kunstwerke sind vielmehr religiöse Berufungen, religiöse Hervorbringungen. Sie zeigen den Gebrauch göttlich gegebener Talente und die Entfaltung von Formen und Strukturen, die Gott gegeben sind. Das schließt nicht aus, daß Humanisten solche Werke schaffen; oft offenbart gerade dies ihren Humanismus. Wären sie jedoch konsequent humanistisch, könnten sie nichts schaffen, denn dies wäre eine totale Leugnung alles, wofür ihre Position steht. Der Kern des Humanismus besteht darin, daß der Mensch sein eigener Gott ist und alles, was er tut, ipso facto gut ist. Der Begriff der Kunst aber impliziert eine Verfeinerung, eine Verbesserung. Konsequent humanistisch gedacht, müßte man sagen, jeder Kritzel sei ebenso wertvoll wie das Werk eines Rembrandt. Genau dies versucht die moderne Kunst zu behaupten: Jeder menschliche Ausdruck sei gleich gut.

Diese Entwicklung ist in der Malerei weiter fortgeschritten als in anderen Bereichen. In der musikalischen Komposition wenden einzelne Komponisten das Prinzip an. In Bereichen, wo das Publikum solche Erzeugnisse als schmerzhaft empfindet, hat sie sich nicht durchgesetzt; man sagt noch nicht, daß jeder, der krächzt, einer Sängerin wie Marilyn Horne gleichgestellt sei. Das Publikum ist noch nicht so weit verkommen. Doch dies ist die logische Konsequenz. Der Humanist muß letztlich sagen, alle Produktion sei gleichwertig. Ein Vertreter dieser Richtung sprach von „Anti-Gedichten“: Er negierte den Begriff des Gedichts als Kunstwerk, als etwas, das der Mensch herausgearbeitet und entwickelt hat, indem er Wörter aneinanderreihte, um zu demonstrieren, dies sei gleichwertig mit jedem anderen Werk, weil alles, was der Mensch hervorbringt, sobald er sich von der Vorstellung Gottes und des Gesetzes befreit hat, gleich wertvoll sei. Bei einem konsequenten Humanismus ist Kunst unmöglich. Der Humanist, der Kunstwerke schafft, ist schizophren; er leugnet implizit, daß er oder sein Werk der Vervollkommnung bedürften.

Daher bestanden frühe Behavioristen darauf, es gebe keine Intelligenzunterschiede. Der Begründer des Behaviorismus ging so weit zu behaupten, könne man ihm ein Kind bei der Geburt übergeben, so mache er daraus den größten Musiker, Künstler, Wissenschaftler — jedes Kind, bei der Geburt. Man ist seither von dieser radikalen Position zurückgewichen, doch sie bleibt in vielen Positionen implizit enthalten. Man muß diese Dinge leugnen.

Es gibt viele Humanisten, die an ein Leben nach dem Tod glauben, aber nicht an Gott. Nicht an Gott. Tertullian führt in einer seiner Schriften eine sehr amüsante Stelle an, in der er all die absurden Dinge aufzählt, an die die Römer glaubten; manche von ihnen sind kaum wiederholbar. Dann sagt er: Es gibt keine Absurdität, an die der Humanist nicht geglaubt hat. Und dennoch beharrt er darauf, auf den Christen herabzusehen, als sei der Glaube an Gott ein Zeichen von Unintelligenz. Denn per Definition gilt: Wer Gott leugnet, ist intelligent.

Das Leben ist kurz, die Zeit begrenzt; not tut, das zu tun, was Gott von uns fordert. Für anderes bleibt kaum Raum. Wer sich auf das göttliche Werk konzentriert, wird stärker und glücklicher. Der Kontrast der vergangenen Woche ist aufschlußreich: Die Teilnehmer des einen Seminars verließen es mit Übelkeit, die unseres waren begeistert. Der eine Weg führt ins Nichts. Wir wollen, daß unser Leben zählt. Als Nehemia auf der Mauer stand, drängten die Männer ihn zu Verhandlungen, zu Streit und Gesprächen; er aber antwortete: „Ich tue ein großes Werk, und ich kann nicht herabsteigen.“ (Nehemia 6,3) Das ist die rechte Haltung. Wir haben ein großes Werk zu tun; laßt uns daran arbeiten. Gott wird die Übeltäter zu seiner Zeit richten, wenn wir unsere Pflicht gegen den Herrn tun. Mehr Arbeit wartet, als ein Leben fassen kann; es ist ein herrliches Werk und Freude, es zu tun. So laßt uns daran sein.