Johannes 3,1–13
Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern, mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden. Der kam bei Nacht zu Jesus und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, daß du ein Lehrer bist, der von Gott gekommen ist; denn niemand kann diese Zeichen tun, die du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist. Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er in seiner Mutter Leib zum zweiten Mal eingehen und geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes hineingehen. Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, daß ich dir sagte: Ihr müßt von neuem geboren werden. Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt: so ist jeder, der aus dem Geist geboren ist. Nikodemus antwortete und sprach zu ihm: Wie kann das zugehen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du bist Israels Lehrer und weißt das nicht? Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und zeugen, was wir gesehen haben; und ihr nehmt unser Zeugnis nicht an. Wenn ich euch irdisches gesagt habe und ihr glaubt nicht, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch himmlisches sagen werde? Und niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen als nur der, der vom Himmel herabgestiegen ist, nämlich der Menschensohn, der im Himmel ist.
Ziel der Betrachtung ist es, diese Lehre in ihrem Verhältnis zu verstehen — nicht nur zu dem, was Gott beabsichtigt, sondern im Gegensatz dazu auch zu dem, was der Unglaube mit der Lehre von der Wiedergeburt anstellt. Jede Zivilisation, jede Religion beschäftigt sich in irgendeiner Form mit Wiedergeburt.
Alle haben das Bedürfnis verspürt, neu anzufangen, die Knechtschaft der Vergangenheit zu brechen, einen neuen Menschen in einer neuen Welt zu haben. Tatsächlich ist die Wiedergeburt, die Regeneration, sehr häufig zum Ziel der Politik gemacht worden. Die Menschen haben erkannt, daß ein Problem besteht. Nun lautet die Frage, der wir uns zuwenden und der wir uns eine Zeit lang widmen werden: Was ist das Problem? Bevor wir darauf antworten können, müssen wir uns mit dem Wort Problem selbst befassen. Was bedeutet Problem? Das Wörterbuch sagt uns, daß ein Problem eine zur Lösung gestellte Frage ist, alles, was getan werden muß, etwas, das schwer zu lösen ist, aber eine Lösung hat. Wenn es keine Lösung gibt, ist es kein Problem, sondern eine Tragödie. So kommt letztlich der Tod über uns alle. Der Tod, der endgültige Tod, ist kein Problem, sondern eine unausweichliche Tatsache. Wenn ich die Tatsache, daß der Mensch letztlich, früher oder später, sterben muß, ein Problem nenne, sage ich damit, daß ich es lösen und den Tod aus der Welt schaffen kann. Der Tod als Problem war Christi Problem. Er bot die Lösung für die Auserwählten. Wenn ein Mensch sagt, der Tod sei ein Problem für mich und ich werde dieses Problem lösen, so ist das Anmaßung. Was ein Mensch als Problem betrachtet, sagt daher viel über ihn aus. Unsere Probleme sind Behauptungen von Kompetenz. Wenn wir sagen, etwas sei ein Problem, sagen wir damit, wir können es lösen. Wenn also ein Mann oder eine Frau sagt, sein Eheweib oder ihr Ehemann sei ein Problem, so sagt er oder sie damit: Ich kann es lösen. Ich kann sie ändern. Das ist anmaßend. Wenn er oder sie sagt: Ich habe eine Last an meinem Mann oder meiner Frau, dann sind sie realistisch. Sie sagen: Ich kann sie nicht ändern. Und natürlich entsteht viel ehelicher Zwist, wenn Mann und Frau einander als Probleme betrachten, die sie lösen wollen. Das funktioniert nicht.
Für den Humanismus sind die Welt und die Menschen um uns herum das Problem. Der Humanismus schlägt vor, den Menschen und die Welt umzugestalten. Die meisten abgegebenen Stimmen werden als Teil der Problemlösung abgegeben; man wählt einen Mann oder eine Partei, die verspricht, den Menschen und die Gesellschaft umzugestalten. Das Bedürfnis wird sowohl von Humanisten als auch von Christen als Wiedergeburt gesehen. Aber der Humanist sagt, es sei sein Problem, es zu lösen. Und wenn er das sagt, beginnt er, Gott zu spielen mit der Welt und mit dem Menschen. Der Gläubige sagt, es sei Gottes Problem. Und daher ist es das Wort Gottes, das auf alles angewendet werden muß. Denn Gott und sein Wort haben die Antwort, und die Menschen müssen sich Gott ergeben, damit Gott, in ihrem Leben wirkend, seinen Zweck erfüllen kann.
Dostojewskis „Brüder Karamasow“ enthält mit dem „Großinquisitor“ einen Abschnitt, der für sich allein ein machtvolles kleines Buch bildet. Der Großinquisitor, ein spanischer Inquisitor, wird unvermittelt mit der Wiederkunft Christi konfrontiert. Er zeigt sich tief beunruhigt und sagt zu Christus: Wir haben alles gelöst. Was du voraussetzt, ist, daß der Mensch sich wandeln läßt und frei sein kann; in Freiheit unter Gott voranschreiten. Aber die Menschen wollen keine Freiheit, erklärt der Großinquisitor. Es obliegt uns, einer auserwählten Elite, die Menschheit zu verwalten und ihre Probleme zu lösen. Der Großinquisitor beanspruchte für sich und seine Kirche das Verdienst, die Freiheit endlich besiegt zu haben – und zwar, um die Menschen glücklich zu machen. Dostojewski stellte im „Großinquisitor“ nicht nur dar, was er im mittelalterlichen Inquisitionswesen wirksam sah, sondern noch mehr, was im modernen Staat und im Sozialismus zum Leben erwachte.
Daß der Mensch beansprucht, das Problem der Wiedergeburt lösen zu können, bedeutet, zu leugnen, daß Gott der Problemlöser ist; es bedeutet, Gott zu leugnen. Wie dargelegt wurde, bedeutet für Henry Miller die Wiedergeburt, Gott zu sterben, völlig unempfindlich gegenüber Gott und gegenüber Gut und Böse zu sein, und zugleich völlig empfänglich für den Menschen zu sein, unabhängig von Gut und Böse — dem Guten und Bösen zu sterben. Gerade dies ist der Kern des Sensibilitätstrainings: der Mensch soll den Menschen so, wie er ist, vollkommen wahrnehmen, ohne jede Unterscheidung von Gut und Böse, ohne jedes moralische Urteil, und Gott gegenüber völlig unempfindlich sein.
Wiedergeboren zu werden bedeutet einen Bruch mit der Vergangenheit. In der orientalischen Denkweise waren die Religionen sich der Last der Vergangenheit bewußt. In ihrem radikal humanistischen Ansatz lehrten sie, der Mensch müsse sein Karma, die Schuld und Sünden seiner Vergangenheit, abarbeiten; dies führe zu endlosen Reinkarnationen, bis er endlich für alle Sünden Versöhnung geleistet habe und ins Nirwana, ins Nichts, entfliehe. Folglich ist das orientalische Denken völlig egoistisch, selbstsüchtig — wie alles humanistische Denken letztlich wird. Das einzige Anliegen ist, dem Karma zu entfliehen, die Dinge zu regeln und die Vernichtung zu finden.
Der westliche Humanismus hingegen gibt sich aktivistisch und um soziale Probleme bemüht, erscheint sozialistisch geprägt; er sucht Umwelt und Gesellschaft umzugestalten. Dies ist jedoch nur ein Nachklang des Christentums. Je deutlicher er humanistisch wird, desto mehr schwindet seine soziale Besorgnis. Ein Molekularbiologe an der Universität von Kalifornien in Berkeley, Günther Stent, hat in einem Buch dargelegt, das Ende des Fortschritts sei nahe: je relativistischer der Mensch werde — und Stent selbst bekennt sich zum Relativismus —, je humanistischer er werde, desto weniger besitze er ein Kriterium, um zu unterscheiden, was erstrebenswert und was nicht, was recht und was unrecht sei. So werde es keinen Fortschritt mehr geben.
Die Menschheit werde stagnieren, so ein Naturwissenschaftler, und in wenigen Jahrhunderten ganz verschwinden. So zerstört der Humanismus sich letztlich selbst. Er will den Menschen umgestalten, besitzt aber keinen Maßstab, an dem er diese Umgestaltung ausrichten könnte.
Daher war Nikodemus, als er zu Jesus kam, weil er Pharisäer war, zugleich Humanist. Als Humanist, der noch einen biblischen Hintergrund besaß, war er dennoch um die Veränderung der Welt bemüht, obgleich ihm ein letzter Maßstab fehlte. Die letzte Konsequenz seiner Position, wie sie sich später im Pharisäertum entfaltete, war ein völliger Quietismus. An diesem Punkt jedoch suchte das Pharisäertum, den Menschen zu kontrollieren. Das Pharisäertum lehrte, daß die Menschen zu ihrem eigenen Wohl der Kontrolle bedürften. Daher sollte eine auserwählte Gruppe von Menschen wie die Pharisäer die Gesellschaft kontrollieren und den Menschen allmählich durch Kontrollen umgestalten. In moderner Terminologie würde man sagen: Was die Pharisäer vertraten, war Erziehung, Gehirnwäsche, ein Sensibilisierungsprogramm; nach Generationen würden sie so eine neue Art von Menschheit schaffen. Einen neuen Menschen.
Im Wesen war die Versuchung unseres Herrn genau das Programm der Pharisäer und das Programm der Humanisten in jedem Zeitalter.
Verwandle diese Steine in Brot.
Löse das Wirtschaftsproblem. Gib den Menschen Sicherheit von der Wiege bis zur Bahre, und du wirst den Menschen dadurch umgestalten; doch die Prüfung, der du sie unterziehen möchtest, wird den Menschen zermalmen.
Stürze dich hinab und laß deine Engel dich auffangen, bevor dein Fuß an einen Stein stößt.
Und statt sie aufzufordern, im Glauben zu wandeln, gib ihnen Wunder.
Erkenne die Richtigkeit meiner Position an, beuge dich nieder und bete mich an.
Erkenne an, daß der beste Weg, den Menschen umzugestalten, nicht darin besteht, ihn auf die Probe zu stellen, wie Gott es seit dem Garten Eden getan hat und in jedem Zeitalter fortsetzt.
Man konditioniere ihn. Man gebe ihm Sicherheit von der Wiege bis zur Bahre und forme ihn durch soziale Konditionierung um. Unseres Herrn Wort war an jedem Punkt: Es steht geschrieben. Die Funktion des Menschen ist nur dienender Art, das Wort Gottes anzuwenden, nicht zu gesetzgeben, als sei er Gott. So kam Nikodemus zu unserem Herrn, gleichwie der Großinquisitor in Dostojewskis Erzählung zu Christus ging, und die Frage war: Dein Programm für den Menschen ist grundfalsch. Und unser Herr sagte im Grunde — denn wir haben die Höhepunkte ihres Gesprächs, die Kernpunkte, die Johannes überliefert —:
Johannes 3,3 »Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.«
Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nun gibt unser Englisch den Anstoßpunkt für Nikodemus nicht wieder. Denn sowohl Nikodemus als auch unser Herr waren darum bemüht, daß der Mensch umgestaltet werde. Aber was unser Herr buchstäblich sagte, war nicht »wenn jemand nicht wiedergeboren wird«, sondern »von oben«. Der Mensch ist auf natürliche Weise von seinen Eltern geboren worden. Aber er muß von neuem geboren werden, von oben. Andernfalls kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus fragte nicht: Kann ein Mensch wiedergeboren werden? Er leugnete diese Tatsache nicht. Alles, was er als Pharisäer glaubte, war, daß der Mensch wiedergeboren werden könne. Aber durch menschliche Vermittlung, durch soziale Kontrolle, durch soziale Konditionierung, durch Gesetze. Durch Erziehung.
Seine Frage war nicht, ob ein Mensch wiedergeboren werden könne. Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er zum zweiten Mal in den Leib seiner Mutter zurückkehren und wiedergeboren werden? Mit anderen Worten: Nikodemus sagte, man fordere ein Wunder, das unmöglich sei. Ein Mensch sei ein Bündel von Gewohnheiten, von Neigungen, die sich im Alter nicht mehr ändern ließen. Ein Mensch lasse sich nur über einen längeren Zeitraum, Generation für Generation, umformen, indem man ihn konditioniere. Indem man sie als Kinder, ganz jung, erhalte und in Schulen bringe, wo der Lehrer ihren Geist forme, wo man allmählich die elterlichen, die erblichen und die vererbten Familientraditionen breche. Dann werde man, peu à peu über einen Zeitraum hinweg, Menschen neu formen. Das sei das Wie. Das war die Prämisse des Nikodemus als Pharisäer. Unser Herr aber sagte, ein Mensch könne von oben her geboren werden. Jeder Mensch. Und für Nikodemus verletzte dies alles, was gesunder Menschenverstand sei. Es forderte Wunder. Und der ganze Punkt der Wiedergeburt, vom humanistischen Standpunkt aus, sei, daß der Mensch sie selbst vollbringen müsse, daß es etwas Naturalistisches sei. Und so waren beide einig, daß sie nötig sei. Und die Antworten, die Humanisten bis heute geben, gleichen denen des Nikodemus: langfristige Kontrolle. Dies werde es uns ermöglichen, einen neuen Menschen zu machen, eine Wiedergeburt der Menschheit herbeizuführen. Bedauerlicherweise ist die Lösung der Pharisäer heute auch sehr häufig die Lösung der Kirche. So schrieb vor einigen Jahren ein anglikanischer Theologe und griff im Kern das biblische Konzept an. Dieser Gelehrte, ein sehr lesbarer, der manchmal sehr, sehr genuin orthodox erscheint, hat dennoch an der entscheidenden Stelle Folgendes zu sagen.
D. R. Davies schreibt in seinem Buch „The Sin of Our Age“: „Ideen sterben, sprichwörtlich gesagt, schwer. In gewissem Sinne kann man sogar sagen, daß sie, wie alte Soldaten, nie sterben, sondern lediglich verblassen. Ideen scheinen ein glückliches Leben zu führen. Sie sind offenbar gegen alle Angriffe unverwundbar, besonders gegen den Angriff von Beweisen. Eine Idee insbesondere, die sich weigert, auch nur zu verblassen, ist die eigentümlich kapitalistisch-protestantische Idee des in sich geschlossenen Individualismus, daß Menschen als getrennte, isolierte Individuen existieren, daß das Individuum ein Mikrokosmos an sich ist. Diese Idee ist die Wurzel, oder eine der Wurzeln, aus der die Theorie der nationalen Souveränität erwachsen ist, die impliziert, daß eine Nation selbstexistierend ist. Dieselbe Idee, die sich in der Politik als nationale Souveränität übersetzt, wird in Religion und Theologie als Lehre von der individuellen Versöhnung ausgedrückt. Christus starb nicht für die Menschheit als Einheit, sondern für die Welt als Summe von Individuen; Christus starb für Menschen als getrennte Wesen.“
Dies ist für Davies die schreckliche Vorstellung: daß Christus Individuen errettet statt der ganzen Menschheit. Daß Heil, Wiedergeburt, eine individuelle Sache ist — ein Wunder, das im Leben des Einzelnen gewirkt wird. Und so predigt die Kirche heute, da sie an soziales Heil glaubt, nicht mehr die Wiedergeburt, die Neugeburt des Einzelnen.
Unser Herr antwortete: „Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes eingehen.“
Johannes 3,5 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.
Mit Wasser meinte unser Herr die Vergebung der Sünden, Reinigung, wie sie in der Taufe dargelegt wird: daß durch die Gnade Gottes die Sünden eines Menschen vergeben werden, er von der Last der Schuld und der Sünde gereinigt wird. Mit Geist meinte Er die Tat Gottes des Geistes, wodurch der Mensch wiedergeboren und im Bilde Gottes durch Jesus Christus neu geschaffen wird.
Johannes 3,7–8 Wundere dich nicht, daß ich dir sagte: Ihr müßt von neuem geboren werden. Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht.
Joh 3,8 So ist jeder, der aus dem Geist geboren ist.
Diese Aussage wird sehr oft mißverstanden, und manche nehmen an, der Herr sage, der Heilige Geist sei wie der Wind, den wir weder sehen noch seinen Lauf bestimmen können, außer an seinen Wirkungen. Unser Herr sagt das nicht. Er sagt: So ist jeder, der aus dem Geist geboren ist. Jeder Gläubige ist wie der Wind. Wir sehen den Wind nicht, so sehen wir auch die unsichtbare, übernatürliche Kraft nicht, die den Gläubigen bewegt. Seine Motivation ist nicht naturalistisch, sondern übernatürlich. Doch nicht vollkommen, weil er in dieser Welt nicht vollkommen geheiligt ist. Und sündhafte Züge verbleiben noch in seiner Natur. Doch zunehmend wird der Gläubige vom Geist Gottes regiert. So daß sein Leben zunehmend einer Macht, einer Führung, einer Bestimmung unterworfen ist, die sich naturalistisch nicht erklären läßt. Sie ist unsichtbar. Sie ist wunderbar. Das Handeln der Gläubigen ist somit jenseits des Verständnisses der Gottlosen. Es wirkt eine andere bewegende Kraft, die die Gottlosen nicht anerkennen wollen.
Die Antwort des Nikodemus darauf war: Wie kann so etwas geschehen? Mit anderen Worten: Nikodemus, der doch glaubte, ein Mensch könne durch menschliches Handeln wiedergeboren werden, sagte damit, die menschliche Kraft sei die Hoffnung, und zweifelte an der Kraft Gottes. Wie kann so etwas geschehen? Oh, große Dinge können von Menschen getan werden, wenn man ihnen genug Zeit gibt. Und große Dinge kann die Natur tun, gibt man ihr Milliarden Jahre, um sich aus dem Nichts zu entwickeln. Aber daß Gott durch sein souveränes Wort alle Dinge erschafft und das in sechs Tagen? Und daß Gott durch seine souveräne Gnade einen Menschen bekehrt und das im Nu? Wie kann so etwas geschehen.
Was Nikodemus in Frage stellte, war nicht, daß ein Mensch wiedergeboren werden kann, sondern das Wie. Dies ist die entscheidende Frage unserer Zeit. Die Politiker bieten ein anderes Wie an. Sie wollen den Menschen umgestalten. Sie wollen — so hieß es — Krieg, Krankheit, Armut und einst sogar den Tod selbst abschaffen. Man müsse ihnen nur genügend Geld und Zeit geben, dann würden sie Mensch und Welt neu schaffen.
Einst verkündete ein Schulreformer, daß, wenn Kinder in staatlich kontrollierte Schulen gegeben und aus den Händen von Geistlichen und Christen genommen würden, nach einem Jahrhundert die einzigen Gefängnisse Museen sein würden, die man besuchen würde, um sich über die Finsternis zu wundern, unter der die Menschen in den Tagen des orthodoxen Christentums lebten. Das Jahrhundert ist vergangen, und die Prophezeiung hat sich nicht erfüllt. Die Antwort darauf lautet lediglich: man brauche mehr Macht, mehr Geld, mehr Zeit, dann werde man es erreichen.
Die Frage bleibt: Wer ist der Souverän? Gott oder der Mensch? Wer ist der Problemlöser in der Frage der Wiedergeburt? Gott oder der Mensch? Wessen Problem ist es?
Der humanistische Mensch von heute sagt: Es ist mein Problem, und ich werde es lösen. Deshalb muß er Gott und seine Welt des Gesetzes zerstören. Denn Gott ist eine Bedrohung für den, der beansprucht, die Macht zur Lösung dieser Dinge zu besitzen. So ist der Kampf entbrannt. Doch er ist hoffnungslos: selbst wenn der humanistische Mensch tausend oder eine Million Jahre hätte, würde er sein Ziel nicht erreichen. Tag für Tag aber bewirkt Gott auf wunderbare Weise, in einem Augenblick, die Wiedergeburt der Seinen. Er macht sie zu neuen Geschöpfen in Christus. Er verleiht ihnen eine Triebkraft, über die die Welt nur staunen und fragen kann: Wie kann so etwas geschehen? Doch es geschieht. Und es ist Gottes Werk.
Das Problem liegt nicht im Wahlsystem selbst, sondern in der Gesinnung, die die Menschen in dieses System hineintragen. Einst wählte man Männer, deren Voraussetzung nicht der Anspruch war, ein Messias zu sein, sondern die Absicht, eine gottgemäße Rechtsordnung zu errichten. Es sei daran erinnert, daß in jedem Staat der Union einst die Voraussetzung für das Wahlrecht der Glaube an die Schrift als Wort Gottes und an die Trinitätslehre war.
Diese Forderung galt sowohl für die Wähler als auch für die Gewählten. Ihre Abschaffung vollzog sich allmählich über einen längeren Zeitraum. In einigen Staaten blieb sie bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg bestehen, in anderen fiel sie früher weg.
Der Wandel setzte zunächst ein, als der Unitarismus die Oberhand gewann, und vollzog sich weiter, als die arminische Theologie alle gesellschaftlichen Fragen aufgab und sich in pietistische Bahnen zurückzog.
Zur Frage nach den sogenannten „Blue Laws“: Diese waren eine Erfindung von Puritanerfeinden, die ein Zerrbild des Puritanismus zeichnen wollten; bis heute werden sie als historische Realität angesehen. Zwar gab es Gesetze von gewisser Strenge, die man so nennen könnte; ihr Zweck war jedoch die Sicherung einer gottgefälligen Gesellschaft.
Die überwiegende Mehrheit der heutigen Kirchen ist arminisch (nicht „armenisch“) geprägt. Der Arminianismus ist die protestantische Entsprechung des Taoismus oder Scholastizismus: Letztlich ist der Mensch sein eigener Erlöser. Das ist die logische Konsequenz des Arminianismus — es kommt darauf an, was du tust, was du entscheidest. Der Herr gibt und hilft, aber im Grunde rettest du dich selbst durch deinen Glaubensakt, durch dein Vortreten in einer Erweckungsversammlung oder was auch immer. Der Mensch ist im Kern sein eigener Retter. Praktisch jede Kirche heute ist in ihren Voraussetzungen humanistisch oder arminisch.
1. Johannes 5,1 »Wer da glaubt, daß Jesus der Christus ist, der ist aus Gott geboren. Und wer den liebt, der gezeugt hat, der liebt auch den, der von ihm gezeugt ist.«
Der entscheidende Punkt liegt im ersten Teil des Verses: Wer da glaubt, daß Jesus der Christus ist, der ist aus Gott geboren. Dies ist gewiß wahr. Doch die Frage lautet: Woher kommt dieser Glaube? Die Schrift bezeugt nachdrücklich, daß er Gabe Gottes ist. Selbst der Glaube, durch den wir zum Herrn hingehen, ist Wirken der Gnade Gottes in unseren Herzen. Dies ist der Punkt, den der Apostel Paulus im Römerbrief durchgängig hervorhebt: Der Glaube kommt aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Gottes. Es ist die Gnade Gottes, die uns zum Heil bewegt. Der Glaube, der uns glauben läßt, ist selbst Werk Gottes. Wenn der Mensch an irgendeiner Stelle unabhängig etwas hervorbrächte, wäre der Mensch an dieser Stelle Gott. Gott aber ist letztlich die Ursache alles Seienden in der Welt; der Mensch ist eine sekundäre Ursache.
Was unser Herr in Johannes 3,13 aussagt, besagt, daß niemand hinaufgestiegen ist in den Himmel, um das Wort herabzubringen — eine Offenbarung also. Er sagt: Ich habe ein Zeugnis, das vom Himmel kommt. Kein anderer Mensch ist je in den Himmel aufgefahren und herabgekommen, um Bericht zu erstatten. Mit anderen Worten: Es betrifft beides. »Niemand ist in den Himmel gefahren, als der vom Himmel herabgekommen ist, nämlich der Sohn des Menschen, der im Himmel ist.« Unser Herr verkündet damit, daß er eine Offenbarung unmittelbar von Gott bringt. Hinzu kommt ein bemerkenswerter Punkt: Gott der Sohn, die zweite Person der Trinität, bezeugt, daß er noch im Himmel ist, während er auf Erden weilt. Der Sohn des Menschen, der im Himmel ist. An mehr als einer Stelle erklärt unser Herr, daß er als einer der Trinität gleichzeitig im Himmel und hier auf Erden inkarniert gegenwärtig ist.
Einer der Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung nahm nicht am Verfassungskonvent teil, da er zu alt war; doch seine Schriften und seine Schüler, die anwesend waren, waren entscheidend dafür, daß nur Gold und Silber als gesetzliches Zahlungsmittel festgelegt wurden. Die Ansprache des Präsidenten gab den Goldstandard nicht auf — ein weitverbreiteter Irrtum. Hätte man tatsächlich erklärt, Gold habe keine Bedeutung mehr, so hätte man den Nationen, die Forderungen gegen die Vereinigten Staaten stellten, eingeladen, das Gold abzuholen. In Wirklichkeit sagte der Präsident: Wir sind bankrott, wir betrachten das verbleibende Gold als zu wertvoll, um es auszugeben. Neun Milliarden Dollar in Gold standen etwa fünfzig Milliarden Dollar an Forderungen gegenüber. Daher konnten die Schulden nicht bedient werden. Jeder Papierdollar ist im Grunde ein Scheck oder ein Schuldschein. Ursprünglich war auf den Dollarscheinen vermerkt, daß die Bundesregierung dem Inhaber auf Verlangen den Gegenwert in Gold und Silber zahle. Schließlich brach man dieses Versprechen und änderte die Währung für alle Amerikaner; man zwang sie, Federal-Reserve-Noten zu akzeptieren. Ausländer hingegen behielten ihren Anspruch auf Gold. Sie hätten kein Interesse an einem nicht einlösbaren Scheck. Vor zwei oder drei Jahren stellte man jedoch auch die Auszahlung an private Parteien ein. Damals fiel der Goldpreis, weil die Einlösung ausblieb. Es hatte einen Ansturm auf Gold gegeben in der Erwartung, man werde den Dollar abwerten und den Goldpreis erhöhen, um die Verbindlichkeiten zu tilgen. Ausländische Regierungen konnten jedoch weiterhin einlösen; sie hielten Forderungen von etwa zwanzig Milliarden Dollar, private Parteien von über dreißig Milliarden. Man erklärte damit faktisch den Staatsbankrott — internationalen Bankrott.
Auf der positiven Seite bewirkte dieser Schritt, wenn auch um einen hohen Preis, das Ende des Internationalen Währungsfonds für alle praktischen Zwecke. Er wird noch lange fortbestehen, man wird versuchen, ihn wiederzubeleben. Er wurde 1946 in Bretton Woods kurz nach dem Krieg geschaffen. Er ist nun, für alle praktischen Zwecke, tot. Er ist einer jener Leichname, die noch herumliegen, und man wird versuchen, sie wiederzuerwecken.
Wenn ein Währungssystem die Goldbindung aufgibt und zu flexiblen Wechselkursen übergeht, strömt das im Ausland gehaltene Papiergeld in das Emissionsland zurück, um dort Sachwerte — Aktien, Rohstoffe, Nahrungsmittel, Industriegüter — zu erwerben. Dies löst einen vorübergehenden konjunkturellen Aufschwung aus. Da jedoch die Geldmenge zur Finanzierung staatlicher Ausgaben weiter ausgeweitet wird, sinkt die Kaufkraft der Währung gegenüber Gold stetig. Der Außenwert verfällt progressiv, bis das Papiergeld schließlich einem wertlosen Tauschmittel gleichkommt, vergleichbar dem Rubel. Die zeitweilige Akzeptanz beruht allein auf der noch bestehenden Kaufkraft für inländische Güter; die strukturelle Entwertung aber ist unaufhaltsam, solange die Inflation als Politik fortgesetzt wird.
Der vorliegende Textabschnitt enthält keine theologische Lehre zur Wiedergeburt, sondern ausschließlich zeitgebundene tagespolitische und ökonomische Ausführungen (Währungsverluste, Lohn- und Preisstopps, Goldstandard, Staatsbetriebe), die gemäß den Editionsrichtlinien fortzulassen sind.
Es wird nicht so sehr kurzfristige Spekulation sein, sondern langfristige Planung und Überlegung, die den Goldeinkauf bestimmen, so daß ein stetiger Anstieg zu erwarten ist. Den zehnprozentigen Zoll auf alle importierten Waren wird selbstverständlich der Verbraucher zahlen. Ob es sich um einen japanischen Wagen oder einen VW oder um irgendein Erzeugnis aus irgendeinem Land handelt — der Verbraucher wird die zehn Prozent tragen. Das wird einige dieser Waren weniger wettbewerbsfähig machen. Die Folge kann sein, daß diese Länder Vergeltungsmaßnahmen ergreifen. Es stimmt, daß bereits sehr hohe Zölle auf amerikanische Ausfuhrgüter bestehen. Doch das Land, das Zölle erhebt, schadet letztlich sich selbst, nicht dem Land, das es zu treffen glaubt. Denn mit Zöllen erklärt man, daß die eigenen Bürger nicht in den Genuss billigerer Waren kommen sollen. Man subventioniert einen bestimmten Wirtschaftszweig, um ihn zu stützen, und belastet dafür den Verbraucher. Das ist die Konsequenz: Es handelt sich um eine Subvention. Als der Aktienmarkt 1929 zusammenbrach, setzte nach wenigen Monaten eine Erholung ein; als man aber zum Schutz der amerikanischen Wirtschaft das Smoot-Hawley-Zollgesetz verabschiedete, brach der Aktienmarkt ein und die Arbeitslosigkeit verdoppelte sich fast augenblicklich. Man hatte den Waren anderer Länder den Zugang versperrt, diese reagierten mit Gegenmaßnahmen, und der Handel kam zum Erliegen. Die eigentliche Depression war die Folge des Smoot-Hawley-Zollgesetzes. Der jetzige Einfuhrzoll könnte Ähnliches bewirken.
Ein weiterer Aspekt: Das Land, das unter dem zehnprozentigen Einfuhrzoll am stärksten leiden könnte, ist Japan. Japan hat in großem Umfang in den Vereinigten Staaten abgesetzt. Das hat unserer Textilindustrie, unserer Stahlindustrie und nun auch unserer Automobilindustrie geschadet. Doch Japan war zugleich, mit großem Abstand, der beste Kunde, den die Vereinigten Staaten hatten.
Japan ist bei weitem der wichtigste Abnehmer; kein Land kauft mehr von den Vereinigten Staaten ein, weder bei Fertigwaren noch bei Rohstoffen. Entzieht man sich diesen besten Kunden, indem man ihm den Absatz auf dem amerikanischen Markt verwehrt — denn nur durch Verkäufe an die USA erhält Japan die Dollars, um amerikanische Güter zu erwerben —, so trifft dies die amerikanische Wirtschaft schwer. Tatsächlich führte die Beschränkung japanischer Stahleinfuhren vor einigen Jahren zu einem Preisverfall beim Weizen, der die Werte der Depressionszeit unterschritt. Amerikanische Zitrusfrüchte, Orangen und Zitronen, finden in Japan einen großen Absatzmarkt. Wird dieser Markt geschlossen, stehen die Zitrusbauern wie viele andere Zweige der amerikanischen Wirtschaft vor existenziellen Problemen.
Doch Japan wird nicht untätig bleiben. Da es auf Bezugsquellen für Rohstoffe und Fertigwaren angewiesen ist, wird es nach Alternativen suchen. Gerade wurde — um der Prinzipien willen mit gewissen Opfern — ein großer neuer Markt in Rotchina eröffnet. Es liegt nahe, daß Japan sich nun dorthin orientieren wird. Doch der Handel mit Rotchina birgt Probleme: zwei Jahrhunderte lang war die Kanonenbootpolitik das übliche Mittel, um in China Forderungen durchzusetzen, schließlich unter Inanspruchnahme extraterritorialer Rechte. Man besetzte beispielsweise Shanghai, wickelte dort den gesamten Zahlungsverkehr ab und zwang die chinesischen Käufer, ihre Bankgeschäfte dort abzuwickeln, um die Eintreibbarkeit zu sichern. Eigene Kanonenboote und Truppen sicherten die Präsenz in Shanghai und anderen Vertragshäfen.
Die Frage stellt sich, ob eine Rückkehr zur Kanonenbootdiplomatie notwendig werden wird. Gibt es Grund zu der Annahme, daß das neue China verläßlicher ist als das alte, oder ist es weniger verläßlich? Als Japan sich spät an der Aufteilung Chinas beteiligte, sah es sich gezwungen, mit Truppen in die Rohstoffgebiete einzurücken, um seinen Zugriff zu sichern.